Allgemeiner Deutscher Reimverein

Der Allgemeine Deutsche Reimverein wurde in den 1880er Jahren gegründet und bestand bis 1902. In dieser Zeit war der Verein eine echte Berliner Institution. Erfahren Sie hier wo in Berlin heute noch Erinnerungen daran vorhanden sind.

Berlin: Der Allgemeine Deutsche Reimverein / "Im Reim liegt Wahrheit"

Jägerstraße in Berlin
Das Haus Jägerstraße 5, in dem sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die bekannte Berliner Weinstube Haussmann befand. - Foto: © -wn-

Kein Witz, es gab ihn wirklich, den Allgemeinen Deutschen Reimverein (ADR), obwohl im Berliner Stadtbild heute kaum noch etwas an ihn erinnert. Einzig ein schmaler 500 Meter langer halbseitig bebauter Weg in Berlin-Wittenau ist nach dem Chemiker und Schriftsteller Emil Jacobsen (1836-1911) benannt. Der Mann, der auf dem St. Johannis-Friedhof II in Berlin-Wedding begraben liegt, kam am Beginn der 1880er Jahre auf die famose Idee, diese ungewöhnliche Körperschaft schreibender und besonders reimender Schöngeister zu gründen. Hunold Müller von der Havel - so sein Pseudonym - schwebte nicht weniger vor, als das Deutsche eingängiger und ausdrucksstärker zu machen. Dafür bot sich für ihn geradewegs das Reimen an. Selbst wissenschaftliche Texte sollten Versmaß und Verve erhalten, um sie fassbarer zu machen. Die neuartigen und teils satirischen Texte richteten sich auch gegen die damals aufgekommene poetische "gründeutsche Bewegung", deren als weltfremd und überzogen empfundener Naturalismus gnadenlos glossiert wurde.

Der Ort, an dem sich die hochmotivierten Reimschmiede aller vierzehn Tage zur Manuskriptbeschau trafen, war die Weinstube und Weingroßhandlung Heinrich Haussmann, damals ein Neuberliner aus Traben-Trarbach an der Mittelmosel. Sein Unternehmen befand sich im Parterre des Hauses Jägerstraße 5. Haus und Adresse gibt es noch am westlichen Ende der Jägerstraße. Die Weinstube besaß wegen ihres umfänglichen Angebotes an Weinen einen guten Ruf. Sie war aber nicht die Einzige in der Branche. Bereits 1782 zählte man in Berlin 36 Weinhändler, die - wie es im Hauptstadt-Lexikon von 1806 heißt - "sowohl ordinaire als auch feinste Weine" offerierten. Über einen Mangel an Gästen brauchte Heinrich Haussmann also nicht zu klagen. Die Bude war meist rappelvoll. Schriftsteller gingen aus und ein, es kamen die Redakteure des Kladderadatschs, Leute von der Tagespresse, Kommunalpolitiker und viele andere Zeitgenossen, die sich für intellektuell hielten oder es tatsächlich waren. Im Oktober 1890 feierte man mit großem Aufwand das 25-jährige Firmenjubiläum. Natürlich durften dabei auch die Autoren und Sprachbegutachter des Reimvereins nicht fehlen. Zur Feier steuerten sie Gereimtes bei, einen freundlich-anzüglichen Hinweis auf die Haussmann-Dynastie: "Der Vater (an der Mosel) ist der Käufer, der Bruder der Täufer und der Berliner, (der) Heinrich, der Säufer". Über das Wohlleben an den Tischen in Haussmanns Lokalität im Getöse der ausgebrachten Lebehochs, dem gemeinsamen Anstoßen der Gläser über den Tisch hinweg und lautstark erzählten Witzen mit anschließenden Lachbrüllern - darüber gibt ein Gedicht des Vereins-Mitgliedes und Schriftstellers Johannes Trojan (1837-1915) beredte Auskunft:

"Was man mit Wasser trinkt hinein,
bringt leicht das Blut ins Stocken,
dagegen ist ein guter Wein
ganz frei von Mikrokokken.
Und was ergibt sich als Moral
für uns aus dem Bisher'gen?
Wer fleißig schwingt den Weinpokal,
bewahrt sich vor Bakterien."


Aber es ging Emil Jacobsen und seinen Männern nicht nur um heitere Couplets - sondern auch um ernste Gegenstände. Er formulierte es so:

"Humor und Witz behagt mir nicht;
wer sie nicht hat, der mag sie nicht.
Viel weiter kommt man mit der Zeit
Durch Ruhe, Ernst und Nüchternheit."

Der Reim eine "liebliche Frucht der neueren Zeit"

Emil Jacobsen wollte den Reim ins Zentrum der deutschen Dichtkunst stellen, jenen Gleichklang von Wörtern, der ein einprägsames Hör- oder Leseerlebnis möglich macht. Im Reim läge die größere Wahrheit als in der ungereimten Literatur. Deshalb war es das Credo des Vereins: "Reimen muss die Nationalbeschäftigung aller Deutschen werden" und "Sinn und Gedanke müssen dem Reim Untertan sein". Es gab auch außerhalb des Vereins Befürworter dieser Denkart. In der Zeitschrift EUNOMIA bezeichnete der Berliner Regierungsreferendar Friedrich Wilhelm Karl Meyer den Reim als eine "liebliche Frucht der neueren Zeit". Auch der Schüttelreim wurde ins Gespräch gebracht. Der Autor zahlreicher Reimzeilen dieses Genres, Julius Ernst Wilhelm Stinde (1841-1905) alias Theophil Ballheim, kreierte in einem richtunggebenden Lehrbrief für dichtende Debütanten einige rhythmisierte Wortfolgen, bei denen die Anfangs-Konsonanten der letzten beiden betonten Silben miteinander vertauscht werden. Da hieß es:

Dass um die Zeit der Sonnenwende
Der Sommer neue Wonnen sende.

Und wie aus alter Sage klang
Sein schwermutvoller Klagesang.

In rosig zarter Wangen Pracht
Der Unschuld ganzes Prangen wacht.

Das schönste Weib ist Käthchen Menner,
Sprach Junker Veit, ein Mädchenkenner.

Gendarmenmarkt in Berlin
Die Jägerstraße führt - hier nur für Fußgänger - zwischen Französischem Dom und Konzerthaus über den Gendarmenmarkt, in dessen Mitte die vom Bildhauer Reinhold Begas (1831-1911) geschaffene Skulptur Friedrich Schillers (1759-1805) steht. Wie dieser mehrfach erklärte, schätzte der Dichter einen guten Reim. In einem Brief an Wilhelm von Humboldt (1767-1835) schrieb er: "Dann ist auch ferner nicht zu läugnen, dass der Reim in den fröhlichen und scherzhaften Gattungen sich mit der größten Naivität des dichterischen Gefühls verträgt ..." - Foto: © -wn-
Ernsthaftes in gereimter Form mitzuteilen, ist zu diesem Zeitpunkt nicht unbekannt. Bereits Preußenkönig Friedrich II. (1712-1786) war nicht nur leidenschaftlicher Briefeschreiber, manche seiner Postsachen waren durchgängig gereimt. Gleich nachdem er den Thron bestiegen hatte, war es ihm, dem geisteswissenschaftlichen Laien (worunter er litt), darum zu tun, zumindest persönlichen Umgang mit Geistesgrößen zu pflegen. Am 19. Mai 1740 übermittelte er deshalb dem in London lebenden und von ihm verehrten Schriftsteller Francesco Graf von Algarotti (1712-1764) eine Einladung nach Potsdam und Berlin. Die Offerte bestand, was nicht überrascht, aus gestelzten Reimen. Friedrich bittet den Grafen bei dieser Gelegenheit, die Verse aus seiner Feder nicht allzu streng zu beurteilen und trägt diese Bitte auch in Reimen vor:

"Auf meiner Muse lebhaft, leichtes Lallen
Hab ja nicht zu gestrenge Acht,
Denn meine Verse sind, um zu gefallen
Doch zum Seciren nicht gemacht."


Mit zunehmendem Alter begann er, misslungene Reime zu reparieren. 1765, in einer für ihn ungewohnt krieglosen Zeit, gesteht Friedrich in einem Brief an den französischen Philosophen Claude Adrien Helvétius (1757-1771), beim früheren Reimen oft geschludert zu haben. "Mein Zeitvertreib ist (heute), Verse auszubessern, die ich in den Zeiten der Unruhe verfertigt habe ... Freilich Sylben abzuzählen und am Ende einen Reim daran hängen, ist eine sehr unbedeutende Beschäftigung".

Wissenschaftliche Texte in gereimter Form

Emil Jacobsen ging es darum, sogar für wissenschaftliche Texte eine gereimte Form zu finden. Ein bemerkenswertes Ergebnis war seine Publikation "Reactionär in der Westentasche", die bereits in den 1860er Jahren in sechster Auflage in Breslau erschien. (Mit Reactionär ist eine Sammlung von Beschreibungen chemischer Reaktionen gemeint.) Der "Reactionär" hatten ein Untertitel: "Rhythmischer Gang der qualitativen chemischen Analyse". Schon das vorangestellte Motto war gereimt:

"Nichts vermuten - stets beweisen!
Nichts erraten, nichts umkreisen.
Völlig fällen! - Combiniren
Die Erscheinungen notiren,
Und Verstand `ne kleine Prise
Ist die Kunst der Analyse."


Diesem Motto folgt eine gereimte Beschreibung diverser Werkstoffprüfungen. Eine davon las sich so:

Nicht ein eigentlicher Gang
Führt und auf den Säurenfang;
Wenn die Basen ihr gefunden,
Wisst ihr schon, woran gebunden
Ungefähr die Basen sind.
Wer, zum Beispiel ist so blind
Und sucht Schwefelsäure, fand er
Den Baryt? (Schwerspat) Und wer - erkannt` er
Silber - wäre solch ein Thor
Und sucht weiter noch auf Chlor?


Das Bemühen des Reimvereins um einen menschennahen Ausdruck erinnert an die politische Sprachpraxis in der verblichenen DDR, in der die intelligenzfeindlichen und spießigen führenden Männer eine langweilige und geistlose Sprache pflegten. Hätte sich der Sprachkünstler Nr. 1 Erich Honecker (1912-1994) einmal die Intention Emil Jacobsens zu Eigen gemacht - das "Neue Deutschland" wäre am nächsten Tag ausverkauft gewesen. Wäre E.H. zwischen dem Aufzählen von Pflichten, Plänen und Projekten plötzlich einmal ganz Mensch wie du und ich gewesen, hätten die folgenden Reime aus seinem Mund kommen können:

Liebe Genossen, wie ich seh
Lebt und gedeiht die SED
Man sieht es unsrem Land nicht an:
Doch wir erfüllen täglich unsern Plan
Die Menschen studieren die Beschlüsse
Und ich verteile Bruderküsse
Im Wald da tue ich tüchtig pirschen
Und schieße fleißig auf die Hirschen
Schieß sechs, mal sieben auf einen Streich
Den Schützenanteil bekomm ich gleich
bar, versteht sich, überreich
Mein Hobby ist Nahschuss in Rücken und Bauch
Wartet nur, Hirsche, bald ruhet ihr auch

Jäger von Hertefeld erfindet das Schießen auf bewegte Ziele

Es ist historischer Zufall, dass die etwa 800 Meter lange Jägerstraße im Osten direkt an die Westfront der ehemaligen Residenz des Dutzendjägers stößt, an das zentrale Komitee der SED. Die Jägerstraße trägt ihren Namen bereits seit dem Jahre 1709. 1690 wurde hier ein "Jägerhaus" gebaut, in dem der Oberjägermeister Samuel von Hertefeld (1667-1730) wohnte. So kam es zum Namen der Straße. An den Jägern Honecker und von Hertefeld fällt eine Gemeinsamkeit auf. Sie waren eitel. Erich Honecker gefiel es bei Jagden, in exquisiter Jägerkleidung aufzutreten (halblanger Lodenmantel oder Lederjacke sowie eine auch für den Arktiseinsatz geeignete russische Pelzmütze Marke Schapka Uschanka). War allerdings sein Jagdgenosse und in der Hierarchie der Weltrevolution übergeordnete Leonid Iljitsch Breschnew (1907-1982) dabei, trug er einen unauffälligen Warenhaus-Anorak und ein spitzes Hütchen. Oberjägermeister Samuel von Hertefeld hatte es die Ritterrüstung angetan. Wenn er auch nicht in dieser Rüstung zur Jagd ging, so ließ er sich gern in einem solchen Aufzug malen. Im Gegensatz zum Wildtöter aus dem Zentralkomitee konnte er ausgezeichnet zielen. Schon als junger Adliger ging er in die preußisch-deutsche Jagdgeschichte ein. Als Jagdpage war er beim ersten preußischen König Friedrich I. (1657-1713) angestellt und wurde bald als kreativer Weidmann bekannt. In den "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" (Fünf Schlösser) schreibt Theodor Fontane (1819-1898): "Der junge Hertefeld ... bildete ... eine solche Fertigkeit in dem damals noch ganz ungewöhnlichen Schießen im Lauf und im Fluge aus, dass er bei den älteren Jägern in den Verdacht der Zauberei kam." Über die Kunst, auf sich bewegende Ziele zu schießen - darüber konnte E.H. nur gelinde lächeln. Das konnten seine Leute auch.

Verkehrshinweis:
Die Jägerstraße erreicht man am günstigsten mit der U-Bahn U2 (Station Hausvogteiplatz). Man befindet sich zunächst auf einem der schönsten Plätze in Europa, dem Gendarmenmarkt. Von hier kommt man zu Fuß sowohl in die Jägerstraße als auch in die Leipziger und Friedrichstraße.
Text: -wn- / Stand: 13.03.2017