Alte Ulme in Ladeburg bei Bernau

In Ladeburg bei Bernau steht eine ca. 500 - 600 Jahre alte Ulme mit einem Umfang von mehr als 8 Metern (Höhe ca. 17 m). Einige interessante Fakten zu diesem Baum finden Sie hier:

Ladeburg, Barnim: Die Uralt-Ulme schweiget nicht

Man steht eines Tages vor einem uralten Baum und sinniert: Was könnte der uns wohl erzählen ... Doch im Lichte neuerer Einsichten stellt sich die Frage:

Alte Ulme in Ladeburg bei Bernau
Die 500 bis 600 Jahre alte Ulme in Ladeburg bei Bernau (Frühling 2017) - Foto: © -wn-
Warum der Konjunktiv? Ein Baum ist keineswegs zum Schweigen verurteilt, und er stillschweigt auch nicht. Dem Dichter Matthias Claudius (1740-1815) fehlte diese Einsicht, weshalb er im innigen "Abendlied" irrtümlich erklärt: "Der Wald steht schwarz und schweiget". Das Gegenteil ist der Fall. Und da ist nicht etwa ein starker Wind gemeint, der geräuschvoll in die Kronen fährt. Vielmehr werden zwischen benachbarten wie auch entfernter wachsenden Bäumen ganzjährig wichtige, lebenserhaltende Informationen in der Luft und im Boden ausgetauscht. Dieser Einblick wäre uns verborgen geblieben, hätte nicht der deutsche Förster und Buchautor Peter Wohlleben (geb. 1964) vor einiger Zeit sein Aufsehen erregendes, wortflinkes Buch "Das geheime Leben der Bäume" unter die Leute gebracht; die Auflagen summieren sich. (Siehe auch den Beitrag "Börnickes schwarze Pappel - Besuch bei der alten Dame") Der Autor stellt das nachweisbar intensive Informationssystem von Bäumen dar. Unter anderem, schreibt er, bedienten sich Bäume einer Duftsprache. Er verweist auf eine vier Jahrzehnte lange Beobachtung in afrikanischen Savannen. Dort schützen sich die Schirmakazien (Vachellia tortilis) auf intelligente Weise vor feindlichem Verbiss durch Giraffen - mit Erfolg.
Peter Wohlleben schreibt: "Um die großen Pflanzenfresser loszuwerden, lagern die Akazien innerhalb von Minuten Giftstoffe in die Blätter ein. Die Giraffen wissen dies und ziehen dann zu den nächsten Bäumen." Die könnten sogar hundert Meter weit entfernt sein, um immer noch rechtzeitig ein Warngas-Signal aus Ethylen (C2H4) zu empfangen, das sie vor dem Eintreffen der Giraffen veranlasst, Giftstoffe gegen den drohenden Verbiss zu bilden. Es gibt noch eine zweite Variante einer wirksamen Schädlingsabwehr. Ist es zum Beispiel Raupen gelungen, eine Ulme zu befallen, greift diese zu einem trickreichen Gegenmittel. Peter Wohlleben: "Ulmen und Kiefern können am Speichel erkennen, welche Raupenart sie beißt, und dann durch Lockstoffe die natürlichen Feinde dieser Raupen, zum Beispiel kleine Wespen, herbeirufen." Fazit: Ulmen wehren wirksam ab oder lassen andere für sich parieren.

Solcher Techniken bedient sich auch die 500 bis 600 Jahre alte imposante Ladeburger Flatterulme (Ulmus laevis), deren Merkmale im Gegensatz zu anderen Ulmenarten asymmetrische und kurzspitzige Blätter sind. Sie steht in diesem Ortsteil von Bernau auf einem Privatgrundstück in der Rüdnitzer Straße. An dem Baum ist der wirksame Abwehrmodus gegen Befall und andere Schäden natürlich nicht zu erkennen. Anzunehmen ist aber, dass diese botanische Altvordere über ein weitreichendes unterirdisches Kapillarsystem verfügt, das offenbar sogar mit den Wurzeln der wuchtigen alten Ulmen auf dem nahen Kirchhof in Verbindung steht. Auch hier werden z.B. Insektenangriffe an erreichbare Artgenossen unterirdisch weitergemeldet, damit diese sich dagegen wappnen können. Aus den Wurzelverbindungen springen unterwegs zudem kräftige Triebe hervor. Sofern die kleinen Pflänzchen nicht abgemäht oder abgeweidet werden, wachsen aus ihnen neue Ulmen heran.

Die 17 Meter hohe Ladeburger Ulme mit einem Umfang von 8,50 Meter (März 2004) fällt nicht durch Höhe auf, sondern eher durch Breite und eine unaufklärbare Neigung nach Süden. Ein Rätsel bleibt es auch, warum sie, obwohl sie so viel Zeit dafür gehabt hätte, nicht die ihr mögliche Höhe von 35 Meter erreichte. Ihr relativ kurzer und mittlerweile hohler Stamm spaltet sich in etwa fünf Metern Höhe auf. Die beiden immer noch wuchtigen Teile bilden eine mehr breite als hohe Krone. 1973 brach einer der Starkäste ab. Aus den übrigen wachsen nach oben und seitwärts strebende und sich verzweigende Äste heraus. Der Stamm hat Auswüchse und Astwülste in vielen Formen. Die Rinde ist grob vernarbt und rissig. Dieses Gepräge lässt einen malerischen und märchenhaften Eindruck entstehen. Man würde es mit etwas Phantasie deshalb nicht abwegig finden, wenn hinter dem verwunschen scheinenden Baum plötzlich das Glasmännlein aus dem "Kalten Herz" von Wilhelm Hauff (1802-1827) hervorträte. Der gutartige Gnom verhilft dem Kohlenmunk-Peter zu Reichtum und vermeintlichem Glück, aber er weiß auch um die seelenfeindliche kommerzielle Einfärbung eines menschlichen Lebens. Die Ahnung des Wichtels erfüllt sich: Peter verkommt zum kaltherzigen Konsumbürger und tauscht beim Holländer Michel, der ebenso in die Ladeburger Szene passt, sein Herz gegen neuerlichen Reichtum - mit den bekannten traurigen Folgen.

Liebeshöfe unter Ulmen

Stamm der Ulme in Ladeburg
Der Stamm der Ulme in Ladeburg mit einem Umfang von 8,50 Meter (März 2004) - Foto: © -wn-

So eindrucksvoll und Phantasie anregend die Ladeburger Flatterulme auch ist - sie und alle Ulmen dieser Welt haben einen spürbaren Nachteil gegenüber den anderen in Europa wachsenden Baumarten: Auf Ulme reimt sich nichts. Solche griffigen, wenn auch (bei Gewitter) nicht zutreffenden Feststellung wie "Buchen sollst du suchen; Eichen sollst du weichen" gibt es in Bezug auf die Ulme nicht. Doch die Geschichte ihrer Art ist dennoch interessant. In Frankreich und später im deutschsprachigen Raum hat sie eine große, ja delikate Vergangenheit. In der Zeit des Ritterwesens scheint es nicht wenig Liebeshändel und Affären in Gestalt untreuer Bräute oder Bräutigame oder Mädchenverführer gegeben haben, so dass man die Einrichtung eines Cour d'amour, eines "Gerichtshofes für Liebe", beschloss. Die Vorsitze hatten der Überlieferung zufolge Edelleute, Frauen von Stand und Dichter. Es wurden für diese Liebeshöfe keine Häuser gebaut, sondern wenn der Mai anbrach, suchte man sich auf freiem Feld oder in einem Weiler eine Ulme mit breiter Krone als Gerichtsort aus, was auch darauf hindeutet, dass die Ulme oft Einzelgängerin war und bis heute ist. In einer französischen Überlieferung heißt es: "Die Gerichtsbarkeit der Liebeshöfe erweiterte sich sehr schnell. Sie urteilten über alle Zänkereien der Liebenden, über alles was die Galanterie betraf." Diese Gerichte waren so en vogue, so dass selbst der interessierte Kaiser Barbarossa (Friedrich I., 1122-1190) entschied, dem französischen Vorbild zu folgen und einen deutschen Liebeshof zu installieren. Man liest, dass die Gerichte mit der pikanten Prozessmaterie einen außerordentlichen Schauwert besaßen. Auf dieses unter den Gerichtsulmen verhandelte Großthema stieg seinerzeit auch der französische Schriftsteller und Philosoph Michel Montaigne (1533-1592) ein. In einem seiner Essays schreibt er warnend: "Die Wollust selbst sucht sich durch den Stachel der Schmerzen zu reizen; sie ist viel verzuckerter, wenn sie kocht und wenn sie durch die Haut brennt. Die Kebse (Konkubine) Flora sagte, sie habe den Pompejus (Magnus, 106 - 48 v. Chr.) niemahls umarmt, ohne dass er Zeichen von ihren Bissen davon getragen habe". Während Eichen in Deutschland ab den 1870er Jahren vielerorts als "Friedenseichen" aufwuchsen, wurden unter ihrem Laubwerk patriotische, also keine Sachverhalte verhandelt, die man heute im Bereich eines soften Sex verorten würde.

Die Schlacht um Bernau fand in Ladeburg statt

Ein dokumentiertes Ereignis im Leben der Ladeburger Ulme trug sich genau am 23. April 1432 zu - sofern der Baum zu diesem Zeitpunkt tatsächlich schon wuchs. Es ist der Tag, an dem die aus der Lausitz herangezogenen Hussiten die Stadt Bernau für kurze Zeit und erfolglos belagerten. Die tschechischen Glaubenskämpfer waren aus Nordwesten über Danewitz und Rüdnitz nach Ladeburg im Norden Bernaus gekommen. In der 1858 erschienenen "Geschichte des Kreises Ober-Barnim" schreibt der Berliner Geschichtsforscher Ernst Fidicin (1802-1883): "Ohne Zweifel wurde Ladeburg während der Belagerung Bernaus von den Hussiten ... sehr arg mitgenommen." Auf seiner Feldmark sei das eigentliche Schlachtfeld der Hussiten im Kampf um Bernau gewesen; damals das "rote Land" oder die "roten Felder" genannt.
(Siehe auch den Beitrag "Die Hussitenstadt Bernau: Froschmäusler und vom Glück des Friedens")

Ein kleines literarisches Denkmal setzte der Dichter Gottfried August Bürger (1747-1794) der Ulme. In seinem Gedicht "Der Liebesdichter" wird auffälliger Weise die Ulme erneut mit Liebesdingen in Verbindung gebracht. Der Dichter hatte es auf eine liebesstarke Schäferin abgesehen, und nach einer gemeinsamen Nacht in der Hütte auf der Weide resümiert er:

"Mir danket dann ihr Morgengruß,
Ihr liebevolles Nicken,
Ihr wonniglicher, warmer Kuss,
Ihr sanftes Händedrücken."


Und er denkt weiter:
"Und, wann ich längst gestorben bin,
Und unter Ulmen schlafe,
So weidet gern die Schäferin
Noch um mein Grab die Schafe."


Auch Heinrich Heine (1797 od. 1799-1856) befand die Ulme einer Dichtung wert. Der junge Maure Almansor erinnert sich in der nach ihm benannten Tragödie von 1823 schmerzvoll an sein letztes Tête-à-tête mit seiner unglücklichen Liebe Zuleima, die ihm in letzter Umarmung ihre Liebe gestand. Und wieder sind Ulmen im Spiel. "Du sprachst es aus, und Wolken wölben sich / Dort oben hoch, wie eines Domes Kuppel, / Die Ulmen rauschen auf, wie Orgeltöne ..." Ein Gedicht über den solidarischen Beistand in der Welt der Ulmen steht allerdings noch aus.

Verkehrshinweis:
Von Berlin aus fährt man auf der Bundesstraße B2 Richtung Bernau und biegt im Stadtgebiet links nach Ladeburg ab. Die Ulme steht auf einem Privatgrundstück an der Rüdnitzer Straße Nr. 17.
Die Geo-Koordinaten der Ulme: E13°35.48783' / N52°42.21653'
Text: -wn- / Stand: 30.05.2017

Barnim Portal

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