Magnus-Hirschfeld-Ufer in Berlin

Schild Magnus-Hirschfeld-Ufer in Berlin
Wegweiser an der Lutherbrücke - Foto: © -wn-

Erfahren Sie in diesem Artikel wo sich das Magnus-Hirschfeld-Ufer in Berlin befindet und was das Besondere daran ist. Doch wer war Magnus Hirschfeld?

Das Magnus-Hirschfeld-Ufer an der Spree: "Der Hirschfeld kommt, der Hirschfeld kommt"

Einen ordinären Holzstab erhebt das Alte Testament der jüdisch-christlichen Bibel in den Rang eines schicksalsbestimmenden sakralen Gerätes. Ort des Geschehens ist die Halbinsel Sinai, die die zwölf israelischen Stämme auf ihrer vierzigjährigen Flucht aus Ägypten ins Gelobte Land Palästina überwinden müssen. Der Stecken ist Mittelpunkt einer wichtigen Personalentscheidung in der Geschichte des entstehenden Israels. Dazu lässt der Gott des Alten Testamentes, der die Israelis durch die Wüste navigiert und unterwegs mit Fastfood (Manna) versorgt, jedem der Stammesfürsten einen gleichen Stab aushändigen. Bei welchem das Totholz Zweige austreibt, der soll in das erstmals zu vergebende Amt eines Hohepriesters eingesetzt werden. Es kommt zur legendären Performance des grünenden Stabes. Begünstigter ist Aaron vom Stamm der Leviten, die später Tempeldiener und mit Sonderrechten ausgestattete Priester sind. An Aarons Stab zeigen sich blendend weiße Blüten und sogar Mandeln (4. Mose 16, 23). Spätestens seitdem der Naturforscher Carl von Linné (1707-1778) den Namen "Aronstab" in seine epochale Abhandlung "Systema Naturae" einführte, wird sogar von einer ganzen Familie der Aronstabgewächse gesprochen. Untergeordnet die Gattung Calla.

Eine solche Calla gelangt 2015 am Magnus-Hirschfeld-Ufer in einem der Berliner Spreemäander zwischen Moltke- und Lutherbrücke in ein Biotop, in dem sie unübersehbar bleibt. Die übermannsgroße metallene Blume hat die Gestalt einer blattlosen Lilie mit sechs nach allen Seiten geneigten weiblichen und männlichen Blüten in den Farben des Regenbogens. Sie ist ein Denkmal für die erste Homosexuelle Emanzipationsbewegung in Deutschland und der Welt. Das Uferstück ist nach dem aus Kolberg (Kolobrzeg) gebürtigen Nervenarzt Dr. Magnus Hirschfeld (1868-1935) benannt. Der ehemals in Berlin praktizierende Mediziner, dessen guter Ruf sich in der Weimarer Zeit (und bereits davor) über die deutschen Grenzen hinaus verbreitete, ist einer der Pioniere der homosexuellen Emanzipation. Dass sich heute, nur als Beispiel, in Berlin zwei Männer auf offener Straße weitgehend gefahrfrei küssen können, ist auch diesem empathischen und hartnäckigen Mann sowie seinen Mitstreitern zu danken. Besuchen Sie auch mal das Schwule Museum in Berlin

Hirschfeld wird Ziel "lustiger" Geschmacklosigkeit

Magnus Hirschfeld ist aber nicht nur eine Autorität auf dem Gebiet der Psychiatrie, er ist auch Ziel übler Nachreden altgläubiger Moralisten. Und bevor das in der Straße In den Zelten gelegene Institut für Sexualwissenschaft, das er in Berlin gründete und leitete, später Opfer des faschistischen Terrors wird, muss er "lustige" Geschmacklosigkeiten über sich ergehen lassen. Der deutsche Coupletdichter Otto Reutter (1870-1931 - "In fünfzig Jahren ist alles vorbei") trägt 1907 in der Silvestershow im Berliner Winterpalast mit schnarrender Stimme und scharf rollendem Zungen-R erstmals sein "Hirschfeldlied" vor. Hintergründig heißt es dort:

Denkmal am Magnus-Hirschfeld-Ufer
Denkmal für die erste Homosexuelle Emanzipationsbewegung am Magnus-Hirschfeld-Ufer
Foto: © -wn-
"Ich hab mal früher ´nen Freund gehabt
Jetzt sehn wir uns fast nie
Wir haben früher Du gesagt
Jetzt sagen wir wieder Sie
Wir ging´n als Freunde Hand in Hand
Das tun wir jetzt nicht mehr
Nur kürzlich an ´nem Regentag
Kam er mir in die Quer
er war verschnupft und sprach, ich such
Vergebens nach ´nem Taschentuch
Ich sprach, nimmt meins
Du tust mir leid
Nimm´s schnell, es wird die höchste Zeit
In dem Moment, oh Schreck
Kommt Hirschfeld um die die Eck

Der Hirschfeld kommt
Der Hirschfeld kommt
Das Tuch schnell wieder her
denn so ein Taschentuch vom Freund
Das ist verdächtig sehr
Lass laufen, ´s ist ejal
Wenn du dir jetzt de Näse putzt
Dann biste nicht normal."


Der manchen schiefen Gag und Kalauer nicht scheuende Otto Reutter trifft mit dem Text aber keineswegs die Intention Hirschfelds. Im Gegenteil: Es war nicht dessen Ziel, den Menschen eine "anormale" sexuelle Veranlagung zu unterstellen und ihn damit bloßzustellen. Er vertrat vielmehr die Auffassung, dass jedwede Sexualität eines Menschen anerkennungswürdig ist, sofern sie nicht auf Kosten, zu Lasten oder zum Schaden Anderer gelebt wird. Eine umwälzende Erkenntnis, die auch heute noch nicht durchgängig anerkannt ist. Das Hirschfeldlied widerspiegelt also eher die seinerzeit grassierende krankhafte Homophobie besonders in Kreisen des Adels und des Militär. Es gibt in dieser Zeit in Deutschland kaum ein süffisanteres Thema als die unter vorgehaltene Hand gestellte Frage: "Leidet" der oder jener nicht an der "schwulen Krankheit"? Schwulsein war kriminell wie der Überfall auf eine Bank und stand unter Strafe.

Auf einem Foto aus den 20er Jahren sehen wir den Arzt, der tief in den Menschen und dessen Seele blicken konnte. Das Haar ist graumeliert und der buschige Oberlippenbart ist kaum weniger eindrucksvoll als der von Albert Schweitzer (1875-1965). Unter der faltendurchzogenen Stirn blicken zwei Augen in die Kamera, die Ruhe, Neugier und Liebenswürdigkeit ausstrahlen. Es entsteht der Eindruck, als sei dieser sich gemütlich gebende Mann - wie Heinrich Heine (1797 od. 1799-1856) in anderem Zusammenhang schreibt - "...begabt mit einem Schatz von Kenntnissen und einem eisernen Fleiße". Mit Blick auf seine jüdische Herkunft ist er allerdings sündig. Die Religion seiner Eltern mit ihren detaillierten Riten und Verboten kommt bei ihm nicht zum Tragen. Wie auch, im Pentateuch, dem Alten Testament der jüdisch-christlichen Bibel, ist zu lesen: "Wenn jemand (dieser Jemand ist in der Bibel immer ein Mann) bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Gräuel ist, und sollen beide des Todes sterben; Blutschuld lastet auf ihnen." (3. Mose, 20, 13) Andererseits zeigt Magnus Hirschfeld jüdische Züge. Es tritt bei diesem herausragenden Mann ein Jahrhunderte alter jüdischer Grundzug hervor - der Drang zu Bildung und Erkenntnis.

122 Jahre gilt der §175 des deutschen Strafgesetzbuches

Als Neuerer und Befreier auf dem Gebiet der Sexualität ist er mithin Mitbegründer der ersten Homosexuellen-Bewegung weltweit. Er wandte sich gegen die strafrechtliche Verfolgung der Homosexualität gemäß § 175 des deutschen Strafgesetzbuches, der vom 1. Januar 1872 bis zum 11. Juni 1994 galt, in der DDR bis 1988. Bereits am 15. Mai 1897 gründete der Mediziner in Berlin mit anderen das Wissenschaftlich-Humanitäre Komitee (WhK). Er wird der Vorsitzende. Das Komitee ist die erste Organisation, deren Mitglieder die Sachkenntnis und Mut haben, öffentlich dafür einzutreten, dass sexuelle Handlungen zwischen Männern entkriminalisiert werden müssen, wobei Hirschfeld anfangs homosexuelle Männer als das - neben heterosexuellen Frauen und Männern - "Dritte Geschlecht" ansieht. Trotzdem war er mit dem seinerzeit Aufsehen erregenden Anspruch kein Revolutionär im herkömmlichen Sinne, wollte er doch Menschen nicht erziehen oder ihnen etwas nachweisen, sondern ihnen mit Eindringlichkeit sagen, was sie tatsächlich sind: einzigartige Wesen, ausgestattet mit einem unbedingten Recht auf Individualität. Dem Mann wollte er (was heute lapidar klingt) sagen: Wundere dich nicht über dich, wenn du einen Mann liebst, dann liebe ihn, und der Frau: Wenn du eine Frau gern hast, so seid ein Paar. Hirschfeld hat die menschliche Liebe entbürdet. In seinem Buch Geschlechtskunde (Stuttgart 1926) schreibt er: "Wer die Liebe von dem Schutt und Schmutz befreit, mit dem menschlicher Unverstand sie jahrtausendelang beworfen hat, stellt ein Lebensgut wieder her, das unter allen Lebensgütern das höchste ist." Sein philanthropisches Anliegen lässt sich zusammenfassen in dem Satz: "Liebet und begehret euch".

Gegen Ende seines Lebens wohnt er mit einem geliebten Freund zusammen. In dieser Verbindung findet er Erfüllung. Er nimmt das in Anspruch, was er auch anderen zubilligte: selbstbestimmt zu leben. Seine brillante Leistung lässt sich erst ermessen, bedenkt man, auf welche Weise und mit welchen Worten "Andersartige" damals gedemütigt wurden und wogegen er zum Beispiel mit seiner 1896 erschienenen Arbeit "Wie erklärt sich die Liebe der Männer und Frauen zu Personen des eigenen Geschlechts?" ankämpfte. Er wendet sich vehement gegen gesellschaftliche Diskriminierung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transsexuellen sowie Queeren Personen. Originell ist auch seine Erkenntnis, dass es - zugespitzt formuliert - gar keine Männer und Frauen gibt, sondern männliche Menschen, die in unterschiedlicher Weise ein bisschen weiblich, und Frauen die in unterschiedlicher Weise im Ansatz männlich sind. Hirschfeld weist daraufhin, dass dies der normaler Zustand des Homo Sapiens ist. Geschlechtsunterschiede seien Gradunterschiede. Selbst der weit denkende amerikanische Psychoanalytiker Erich Fromm (1900-1980) konnte sich in seinem verbreiteten Buch "Die Kunst des Liebens" nicht von der Vorstellung einer strikten "männlich-weiblichen Polarität" trennen. Allen Ernstes bezeichnet er diesen von ihm behaupteten "natürlichen" Gegensatz als die notwendige "Basis der menschlichen Kreativität". Dagegen unterbänden "homosexuelle Abweichungen von der Norm" eine solche Gestaltungskraft.

Homosexualität "wider die Norm, ... nicht wider die Natur"

Mit seiner Theorie erreicht Magnus Hirschfeld in der Weimarer Republik trotz mancher übler Nachrede das Ansehen eines Sachverständigen, der in Gerichtsverfahren gehört wird. Er ist z.B. aufgefordert festzustellen, ob ein Angeklagter oder Kläger homosexuell ist oder nicht. Im Oktober 1907 ist er Sachverständiger im Beleidigungsprozess, den der preußische Generalleutnant und Vertraute von Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) Kuno Detlev Graf von Moltke (1847-1923) gegen den Publizisten Maximilian Harden (1861-1927) angestrengt hatte. Moltke wehrte sich gegen Hardens Behauptung, er sei homosexuell. Magnus Hirschfeld muss jedoch bestätigen: "Ich habe aus der Beweisaufnahme die wissenschaftliche Überzeugung gewonnen, dass bei dem Kläger, Herrn Graf Kuno von Moltke, objektiv ein von der Norm, d.h. von den Gefühlen der Mehrheit abweichender Zustand vorliegt, und zwar eine unverschuldete, angeborene und m.E. in diesem Fall ihm selbst nicht bewusste Veranlagung, die man als homosexuell zu bezeichnen pflegt." Sie sei zwar "wider die Norm, ... aber nicht wider die Natur". Mit dieser Einschränkung wollte er Moltke helfen. Das Gericht blieb aber unbeeindruckt. Von Moltke muss nach einem weiteren Prozess "wegen Homosexualität" 40000 Mark Strafe zahlen.

Die Münchener Kultur und Literaturzeitschrift bringt um diese Zeit eine Karikatur des Weimarer Goethe-Schiller-Denkmals. Beim Herannahen von Magnus Hirschfeld schlägt Schiller, auf dessen Schultern Goethes linker Arm liegt, vor, die Vertrautheit lieber nicht zu zeigen. Denn, so Schiller: "Der Hirschfeld kommt." Dieser Satz wird wenige Jahre später einen historisch skandalösen Vorgang bezeichnen. Es kam das Jahr 1933. Magnus Hirschfeld hat Deutschland bereits verlassen und sieht in einem französischen Kino, dass in Berlin eine "Aktion wider den undeutschen Geist" im Gange ist. Am 6. Mai beginnt deren Schlussphase mit einer landesweiten Plünderung von Leihbibliotheken und Buchhandlungen. In Berlin erstürmen aufgeputschte Studenten der Deutschen Hochschule für Leibesübungen und der Tierärztlichen Hochschule auch das Hirschfeld-Institut und plündern die über zehntausend Bände umfassende Bibliothek.

Am Abend des 10. Mai 1933 versammeln sich die studentischen Barbaren auf dem Hegelplatz hinter der Humboldt-Universität. Hegels die Welt tragender vernünftige Weltgeist trifft auf den Ungeist der aufgeputschten Dumpfbacken. Sie ziehen zunächst zur Oranienburger Straße, wo Lastwagen bereitstehen, um insgesamt 25.000 Bücher zum Opernplatz (Bebelplatz) zu bringen. Über die Friedrichstraße und die Linden fahren sie dorthin. Es regnet. Nachdem die Feuerwehr Benzin in die angefachten faulen Flammen goss, kommt ein Feuer in Gang. Obwohl auch Hirschfelds Bücher verbrannt werden, ist von ihm jedoch keine Rede. Aber plötzlich sieht man ihn! Er kommt. Auf einem Stock haben die enthemmten Studenten den beschädigten Kopf die Bronzebüste von Magnus Hirschfeld des Bildhauers Kurt Harald Isenstein (1898-1980) aufgepflanzt und lassen johlend an ihr die Flammen lecken. Ein Vorschein auf die einzigartigen Verbrechen, die das faschistische Deutschland in den Jahren darauf verüben wird.

Am nächsten Tag findet dieser schwarze Mittwoch in der deutschen Geistesgeschichte eine tragische Fortsetzung. Die einst bürgerlich liberale und nun zu einem gleichgeschalteten Blatte verkommene Vossische Zeitung ("Tante Voß"), in der einmal Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) publizierte, versucht, die Orgie zu bemänteln. Sie schreibt: "Bei der Bücherverbrennung durch die Studenten handelt es sich nicht um einen Sturm gegen Kulturwerte ... sondern um eine symbolische Handlung, wie sie Luther bei der feierlichen Verbrennung der Bannbulle ... als weithin sichtbaren Ausdruck des Protestes vollzogen." Der dem Schwarzen Humor zuneigende tschechischer Schriftsteller Bohumil Hrabal (1914-1997) vermag hingegen dem barbarischen Akt auf dem Opernplatz eine andere Seite abgewinnen. 1976 schreibt er in seiner Erzählung "Allzu laute Einsamkeit" über die Vergeblichkeit des Vernichtens von widerständigem Geist: "Die Inquisitoren auf der ganzen Welt verbrennen die Bücher vergebens, und wenn die Bücher Gültiges enthalten, hört man sie im Feuer leise lachen ..." Und tatsächlich: So wie keine Energie verloren geht, so bleibt auch guter Geist jeder Flamme gewachsen. Und nicht zuletzt auch der von Magnus Hirschfeld.

Verkehrsinformation

Zum Magnus-Hirschfeld-Ufer gelangt man sowohl über einen Zugang nahe der Moltke-Brücke als auch am anderen Ende an der Lutherbrücke gegenüber dem Schloss Bellevue. Hier hält der Bus 100, der zum Alexanderplatz bzw. in die Gegenrichtung Bahnhof Zoologischer Garten fährt. Das Denkmal für die erste Homosexuelle Emanzipationsbewegung befindet sich etwa in der Mitte des knapp einen Kilometer langen Uferweges.
Text: -wn- / Stand: 27.10.2018

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