Die Berliner St. Hedwigs-Kathedrale: Friedrichs kriegsbegleitender Gunsterweis

In der deutschen Baugeschichte figurieren zwei gottlose Bauherren. Der eine steht für eine skandalös erlangte Baufreiheit,
St. Hedwigs-Kathedrale am Südrand des Berliner Bebelplatzes
Die St. Hedwigs-Kathedrale am Südrand des Berliner
Bebelplatzes. Der Zaun im Vordergrund links stammt von der
benachbarten Baustelle der Staatsoper Unter den Linden.
Foto © -wn-
der andere für Glaubensfreiheit, darunter für die Freiheit, nach Lage der Dinge an nichts zu glauben. Der erste verschafft sich Raum mit dem Niederreißen eines im Zweiten Weltkrieg weitgehend intakt gebliebenen Kirchenkörpers. Der andere lässt im Vollzug der von ihm verfügten Glaubenstoleranz in Berlin eine Kirche für Andersgläubige errichten, für schlesische Katholiken - ein Top-Ereignis im protestantischen Preußen. Der erstgenannte Akteur belastet die deutsche Geschichte als der sächsische stimmgestörte Möbeltischler Walter Ulbricht (1893-1973). Als Erster Sekretär des Zentralkomitees der SED lässt er sich am 30. Mai 1968 von seinem Hass auf überkommene Kultur dazu verleiten, die 1240 geweihte Leipziger Dominikanerklosterkirche St. Pauli am Augustusplatz in die Luft zu sprengen. Die wichtigsten Ausstattungsstücke konnten ins Freie gerettet werden. Den entsetzten Augenzeugen wird klar, wie Recht Honoré de Balzac (1799-1850) hat, als er im Roman "Verlorene Illusionen" - hier auf Napoleon gemünzt - warnt: "Wer alles sagen kann, wird bald alles tun." Onkel WU kann beides. Den beim beispiellosen Leipziger Willkürakt verursachten Sprengungsschutt verkippen die staatssozialistischen Kulturvandalen ausgerechnet in die Etzoldsche Sandgrube in Probstheida südöstlich des Leipziger Stadtzentrums. Sie ist ein historisches Gelände. Am Beginn der Leipziger Völkerschlacht vom 16. bis 19. Oktober 1813 war die aus Südosten heranrückende böhmische Hauptarmee unter Fürst Karl Philipp zu Schwarzenberg (1771-1820) mit 130.000 Mann in diese Gegend vorgestoßen und trug darauf hin entscheidend zum Sieg über die Napoleonischen Verbände bei. 85 Jahre später geht es in der Sandgrube wieder um Geschichte; die Kuhle liefert das Baumaterial für das knapp zwei Kilometer entfernte 91 Meter hohe Völkerschlachtdenkmal an der Prager Straße.

St. Hedwigs-Kathedrale in Berlin Mitte


Der andere Baumeister nennt sich Friedrich II. (1712-1786) und ist derjenige König in Preußen, von dem im Jahr seines Regierungsantrittes 1740 erwartet wird, dass er verstärkt als "Philosophenkönig" in Erscheinung tritt. Fast ist es auch so: Im Juni diktiert er eine umwälzende "Kabinetsordre" mit dem Inhalt: "Die Religionen müssen alle tolerirt werden, und muss der Fiskal sein Auge nur darauf haben, dass keine der andern Abbruch thue; denn hier muss ein jeder nach seiner Facon selig werden." Sechs Jahre später nimmt Friedrich Gelegenheit, die Preußen von der Ernsthaftigkeit seiner Worte zu überzeugen, wenn er auch die Gründe eher im Dunkel lässt. 1746 erteilt er das "Patent" zum Bau einer katholischen Kirche an der Südseite des damaligen Opernplatzes, der Teil des im Bau befindlichen Forum Fridericianum ist. Der etwas eingeschrägte Kirchenbau ist richtungweisend, da noch 1667 Friedrichs Urahn Kurfürst Friedrich Wilhelm (1620-1688) in seinem Testament festgestellt hatte, "die Kur Brandenburg und Pommern" ist "gottlob von päpstlichen groben Gräueln und Abgötterei gänzlich befreit". Zu einem völlig anderen Umgang mit den Religionen war nun der Nachfahre bereit,
obwohl man in dessen Werken auch den irritierenden Satz findet "Post mortem nihil est" - Nach dem Tod ist nichts. Damit entfällt für ihn das Jüngste Gericht als persönlicher Termin - und es besteht keine Zuständigkeit des Gerichtsherrn für sein Leben und Treiben. In den "Morgenstudien über die Regierungskunst" genannten Unterweisungen, die er für seinen Nachfolger und Neffen, den späteren Friedrich Wilhelm II. (1744-1797) verfasst, heißt es: "Uebrigens ist, um den Fanatismus aus seinen Staaten fern zu halten, das beste Mittel die kälteste Gleichgültigkeit in der Betreff der Religion." Er wolle aber nicht, dass man "die Unfrömmigkeit und den Atheismus zur Schau tragen solle; aber man muss seine Denkungsweise dem Range gemäß einrichten, den man inne hat". Friedrichs von ihm so verstandene religiöse Toleranz wird durch die Bank gelobt. 1774 frohlockt der Prediger an der Berliner Nikolaikirche Friedrich Germanus Lüdke (1730-1792) in seinem Buch "Über Toleranz und Gewissensfreiheit": "Ich kenne keinen monarchischen Staat in Europa, … der in Absicht auf die Religionen der Unterthanen vollkommener nach diesen wahrhaften Grundsätzen der echten Toleranz regiert würde, als der preußische, seitdem der jetzige große König Friedrich den Thron bestiegen hat."

Mit dem Kirchenbau will Friedrich II. der in Berlin lebenden katholischen Minderheit, deren Angehörige oft aus Schlesien eingewandert sind, eine geistige Heimstatt bieten, aber auch die Zugehörigkeit Schlesiens zu Preußen unterstreichen
Unterkirche der St. Hedwigs-Kathedrale
Blick in die Unterkirche der
St. Hedwigs-Kathedrale
Foto © -wn-
- waren doch die preußisch-österreichischen Kriege um den Besitz Schlesiens zwischen 1740 und 1763 mit Unterbrechungen noch in vollem Gange. Der Bau ist insofern ein kriegsbegleitender Gunsterweis. Die überraschende Kriegsbereitschaft des cleveren Friedrich wird mit seinem Bestreben begründet, Preußen zu vergrößern und ihm ein ruhmvolles Ansehen zu geben. Sehr überraschend, denn selbst sein Vater Friedrich Wilhelm I. (1688-1740), der als berüchtigter "Soldatenkönig" und Serenissimus der "Langen Kerls" in die Geschichte eingeht, betrachtet die militärische Macht als eher defensive Kraft. Dazu hält ihn sein christlich-pietistisches Verantwortungsgefühl gegenüber seinem Gott an, der "die ungerechten Krige verbohten" habe. Erst Friedrich II. sieht sich hinter den preußischen Grenzen nach brauchbaren Ländereien um.

Über den Bau der St. Hedwigs-Kathedrale


Bei der Grundsteinlegung am 13. Juli 1747 lässt er bekannt geben, welchen Namen er für die Kathedrale ausgesucht hat, er ist klug gewählt - es ist der Hedwigs von Schlesien (Jadwiga Śląska, 1174-1243). 1267 wurde sie heiliggesprochen und ist in der Klosterkirche Trzebnica (Trebnitz) bestattet. Mit der polnischen Hedwig hat er auch den Namen der Ahnherrin des preußischen Königshauses nach Berlin geholt. Aus der Ehe Hedwigs mit dem Herzog Heinrich I. von Schlesien ging die spätere Frau Sophia des Kurfürsten Johann Georg von Brandenburg hervor. Die Namensgebung hat bis heute Bestand. Die Heilige Hedwig gilt mittlerweile nicht nur als eine beispielgebend solidarische und einfach lebende Frau, die den Stürmen der Zeit zu trotzen wusste. Da sie schließlich sogar unaufgefordert den ehelichen Genüssen entsagte und es ihr später manche Verehrerinnen gleichtun wollten, sieht sich der Breslauer Theologe Dr. Ferdinand Speil in einer dringlichen Predigt im Jahre 1867 veranlasst, die jungen Christinnen aufzufordern, trotz ihrer Nähe zur Heiligen den ehelichen Obliegenheiten weiter im Rahmen kirchlicher Vorgaben Raum zu geben.
Inzwischen gilt Hedwig auch als Patronin der Aussöhnung zwischen Deutschen und Polen. Möglicherweise trugen ihr Ansehen und Wirken dazu bei, dass sich die Polen seit dem Zweiten Weltkrieg gegenüber Deutschland so großherzig verhalten. Das allerdings hielt polnische Medien - Hedwig hin, Hedwig her - am 24. Januar 2012, zu Friedrichs 300. Geburtstag, nicht davon ab, das Jubiläum einen "Räubergeburtstag" zu nennen. Polskie Radio machte sich sicher keiner Übertreibung schuldig, als der Sender feststellte: "In Deutschland halten sich heute Verehrung und Tadel Friedrich II. die Wage. Für die Polen bleibt er nur und allein, der gnadenlose Totengräber ihres Staates." Das ist nicht falsch. Allein ein Jahr vor Öffnung der Kathedrale im Jahre 1772 entsteht im Verlauf der ersten polnische Teilung aus einem Großteil der heutigen Woiwodschaft Pommern die Provinz Westpreußen - und niemand kann den kriegsentschlossenen wie beutesüchtigen Friedrich daran hindern. Auch hat seine religiöse Toleranz durchaus Grenzen. Die Historiker Wilhelm Bringmann schreibt in seinem Porträt des Königs: "Katholiken wurden in Preußen - von ganz seltenen Ausnahmen abgesehen - nicht in den (höheren, zivilen) Staatsdienst aufgenommen, was vor allem für gehobene Stände empfindlich war, weil oft nur der Staat attraktive Arbeitsplätze anbot. In der friderizianischen Ära standen vor allem schlesische Katholiken unter dem Generalverdacht pro-österreichischen Sympathisantentums."

Die Bauzeit der Berliner Kathedrale beträgt 26 Jahre, weil der Bau wegen Geldmangel unterbrochen werden muss. Schließlich aber findet am 1. November 1773 mit vorausgehender Einsegnung der Glocken die Weihe der neuen Kirche statt, die "Der Spiegel" 2007 "ein bemerkenswertes Monument der interkonfessionellen Toleranz im Herzen einer lutherischen Stadt" nennt. Der an das Römische Pantheon erinnernde Portikus ist eine Reverenz ans Katholische. Der deutsche Historiker und Friedrich-Biograf Johann David Erdmann Preuß (1785-1868) schreibt, "dass die katholische Gemeinde der St. Hedwigskirche in Berlin (nunmehr) von allem Pariochalzwange der Geistlichkeit anderer Glaubensgenossen befreiet bleiben und … eine eigene Parochie (einen eigenen Sprengel) ausmachen solle". Obwohl als Bürger aufgenommen, werden doch die Eigenheiten der Berliner Katholiken aufmerksam registriert, und seien es nur alltägliche. Der Schriftsteller Karl Gutzkow (1811-1878) schreibt in seinen Erinnerungen über das Anderssein eines katholischen Haushalts: "Bei ihnen zu Hause gab es auf der Kommode mystischen Hausrat, Kruzifixe, Madonnen von bunt angestrichenem Gips, kleine Heiligenbildchen am Spiegel, eine Pfauenfeder breitete sich über dem Ganzen."

Die St. Hedwigs-Kathedrale als Pfarrkirche und Berliner Bischofskirche


Die Domgemeinde am Bebelplatz ist mittlerweile die älteste katholische Gemeinde der Erzdiözese. Die Kathedrale ist Pfarrkirche und zugleich Berliner Bischofskirche.
Bebelplatz mit St. Hedwigs-Kathedrale
Blick über den Bebelplatz auf die St.
Hedwigs-Kathedrale; links die Staatsoper
Foto © -wn-
Der Geist ihrer Namensgeberin hat sich im Wirken des ehemaligen Dompropstes Bernhard Lichtenberg (1875-1943) erhalten. Der Würdenträger ist einer der großen mutigen Gestalten in der Geschichte dieses Gotteshauses. Ab dem 10. November 1938 - einen Tag nach dem Judenpogrom in Deutschland - beendet er seine täglichen öffentlichen Abendgebete mit Fürbitten für die verfolgten Juden. Er wird denunziert und zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Auf dem Transport in das Konzentrationslager Dachau stirbt er. Sein Grab befindet in der Unterkirche von St. Hedwig. 2004 wird ihm in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem auf dem "Berg der Erinnerung", einer Hügelkette, mit der Jerusalem nach Westen hin ins judäische Bergland hineinragt, der Ehrentitel "Gerechter unter den Völkern" zuerkannt. Man will ja dem alten Flötisten von Sanssouci Gerechtigkeit widerfahren lassen. Aber das Beispiel Lichtenbergs zeigt wie sehr er friedfertige religiöse Motivationen unterschätzte. An den Neffen schreibt er: "…nichts tyrannisirt den Geist und das Herz so sehr, wie die Religion; denn sie verträgt sich nicht mit unseren Leidenschaften, noch mit den großen politischen Zielen, die man haben muss". Und: "Wir sind alles Irrende." - das hat er auch einmal notiert.

St. Hedwigs-Kathedrale Berlin
Auf dem Bebelplatz in Berlin Mitte

Dompfarramt St. Hedwig
Hinter der Katholischen Kirche 3
10117 Berlin-Mitte
Telefon 030 / 20 348 10
Fax 030 / 20 348 78
Öffnungszeiten:
Mo - Mi: 08.00 - 14.00 Uhr
Do: 11.30 - 17.30 Uhr
Freitag geschlossen

Verkehrsverbindung:
Am Bebelplatz und in dessen Nähe halten die Busse der BVG 100, 200, N2, TXL, 147, N6 An der nahen Haltestelle Am Kupfergraben enden die Straßenbahnlinien 12 und M1
Text: -wn- / 29.06.2012

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  • Kirche Zur frohen Botschaft
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  • Parochialkirche in Berlin
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