Cafe Achteck in Berlin

Als Cafe Achteck werden in Berlin öffentliche Pissoirs bezeichnet. Einige dieser historischen WCs sind immer noch in der Stadt zu finden!

Cafe Achteck - "Mach uns für unsre Pinkelei / doch bitte einen Winkel frei!"

Cafe Achteck am Berliner Senefelder Platz
Das Cafe Achteck am Senefelder Platz
Foto: © -wn-

Großkopfeten, sogenannte Höhergestellte, müssen besonders in Berlin mit spöttischen bis höhnischen Ansagen rechnen - wenn sie dafür einen Anlass bieten. Der 2014 Regierende Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit (geb. 1953) kann ein Lied davon singen. Als Ikone der Schwulenbewegung, Partymeister oder nachtaktiver Sozialdemokrat verballhornen ihn manche. Das ist noch harmlos. Auch auf ihn gemünzte Geschmacklosigkeiten sind im Umlauf. Verwunderlich aber, dass sein Kosten verursachendes Versagen beim Schönefelder Flughafenbau noch keinen knalligen Spottvers hervorgerufen hat. In der Berliner Geschichte hatte manche Unfähigkeit eines blaublütigen Potentaten oder eine besonders reaktionäre Haltung Protest und Spott zur Folge. Im Frühjahr 1848 erhielt der 51jährige Hohenzoller Wilhelm Friedrich Ludwig von Preußen (1797-1888) den Titel "Kartätschen-Prinz" angehängt. Es ist der spätere - dann von halb Deutschland verehrte - Kaiser Wilhelm I. - der Monarch mit dem herkulischen Backenbart zu beiden Seiten des ausrasierten Kinns. Die ihn verspottende verbale Kreation "Kartätschen-Prinz" eines jungen Freiburger Juristen war in Deutschland bald in aller Munde.
Hintergrund: Wilhelm hatte in den revolutionären Märztagen 1848 dem regierenden König Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861) allen Ernstes eine Massakrierung der Berliner Barrikadenkämpfer mittels Beschusses aus Kartätschen nahegelegt. Der Scharfmacher, dessen Vorschlag sich schnell herumsprach und Empörung auslöste, musste aus Sicherheitsgründen für einige Monate ins englische Exil.
Bald machte in Berlin der Spott- und Drohvers die Runde:

"Komme doch, komme doch
Prinz von Preußen
komme doch, komme doch
nach Berlin
wir woll´n dir mit
Steine schmeißen
und das Fell
über die Ohren ziehn."

Selbst der Kaiser der Franzosen Napoleon Bonaparte (1769-1821) bekam in Preußen sein Fett weg, nachdem er und seine Grande Armee 1812 in Russland ein militärisches Fiasko erlebten. 65 Jahre später findet Theodor Fontane (1819-1898) den vergessenen Berliner Spottvers auf den Imperator und veröffentlicht ihn.
Der Text endet mit den triumphierenden Worten:

"Hin ist der Blitz
Deiner Sonne von Austerlitz,
Unterm Schnee
Liegen all deine Corps d'Armee.
Warte
Bonaparte,
Warte Kujon (Schuft),
Andre Woche, wir kriegen dich schon."

(Bei Austerlitz, dem heutigen tschechischen Slavkov u Brna, fand am 2. Dezember 1805 die "Dreikönigsschlacht" statt, die mit einem Sieg der Napoleonischen über die österreichischen und russischen Armeen endete.) Der am Ende auf ganzer Linie gescheiterte korsische Kujon wird nach der Landung am 18. Oktober 1815 auf der britischen Vulkaninsel im Atlantischen Ozean Sankt Helena, dem endgültigen Verbannungsort, ein ähnliches hygienisches Problem haben wie um dieselbe Zeit auch die Berliner. Napoleons mitgereister Privatsekretär Charles Tristan de Montholon (1782-1853) berichtet davon. Der deportierte Kaiser befand sich nun in Longwood, einem von tiefen Schluchten umgebenen, schwer zugänglichen Höhenort, wo er - was nicht ganz der Wahrheit entspricht - bis zum Lebensende "schlechter als der geringste Offizier in Europa in einem Hüttenlager" wohnte. Wahr ist aber: Unter dem porösen Holzfußboden des ersten Schlafraumes des Monarchen befand sich mit Jauche getränkte Erde. "Bald nachdem der Kaiser Langwood bezogen, brach ein Theil des Fußbodens ... aus Fäulniß ein; eine übelriechende Jauche quoll hervor und nöthigte ihn, sich in ein anderes Gemach zu flüchten", notiert der Sekretär. Das Haus, in dem Napoleon anfangs hauste, war ein notdürftig umgebauter Kuhstall. Ihm blieb nichts weiter übrig, als den Uringestank um sich herum zu ertragen. Ab und zu holten die Diener auch noch einen verwesenden und stinkenden Ratten-Kadaver aus der Zwischenwand. Einige Zeit später bezog Napoleon das ausbesserte "Longwood House", in dem zuvor der Gouverneur der Insel gewohnt hatte.

Was Napoleon auf Sankt Helena und die Berliner gemeinsam hatten: Gestank

Der Gestank von Longwood, der Napoleon umgab, war nichts gegen die verpestete Berliner Luft im 19. Jahrhundert. Es herrschten unerträgliche hygienische Zustände in der Stadt. Von einem "holden Duft", der von der Berliner Luft ausgehe, wie man seit 1899 in der Operette "Frau Luna" von Paul Lincke (1866-1946) singt - davon konnte damals keine Rede sein. Zwar hatte der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620-1688) frühzeitig die Schweinehaltung im Koben vor den Haustüren und das Deponieren von Mist am selben Ort verboten. Unter der Ägide des Stadt-Brand-Direktors gab es eine Straßenreinigung, deren Aufgabe "sich auf die Reinhaltung der öffentlichen Plätze und Brücken sowie auf die Abfuhr des Düngers aus den Straßen" erstreckte. Als Straßenpassant in einen "Haufen" getreten zu sein - das war dennoch etwas, das einem wieder und wieder passieren konnte. Kotverschmutztes Schuhwerk - das war die Regel. Weiterhin wurden die Küchenabwässer in offenen Straßenrinnen abgeleitet. In diesen Abläufen floss das verschmutzte Wasser auf kurzen oder langen Wegen in die Spree. Die Fäkalien gelangten in Sickergruben, die von Zeit zu Zeit geleert wurden. Dort hinein schüttete man auch den Inhalt der Nachttöpfe, den die Mieter eines Hauses zuvor in "Nachtstuhl-Eimern" gesammelt hatten. Bis 1842 hatten "Nachtstuhl-Frauen" diese Eimer abgeholt und nach 23 Uhr in die Spree entleert. Besonders in der warmen Jahreszeit war das Entsorgen der Sickergruben, von dem ein ganzes kommunales Gewerbe lebte, mit starken Gerüchen verbunden. Zwar war der unverwüstliche Berliner Humor selbst dann noch in der Lage, auch witzige Toilettensprüche zu verbreiten wie zum Beispiel den: "Wer hat die liebe Großmama / verkehrt rum aufs Klosett gesetzt?" Oder zum Thema Schmutz in der Stadt gab es einen Calauer: "Und wo es so gestaubt hat, das war in unsrer Hauptstadt", witzelten die Berliner. Aber tatsächlich spitzte sich im Alltag ein solche praktische Frage zu wie: Wo kann ich - und wieder ging es nur um die Männer - als Passant unterwegs mein Wasser lassen? Denn es schwanden wegen der starken Bautätigkeit die Möglichkeiten, in Straßennähe schnell mal ins Gebüsch zu gehen. Die Männer hatten bisher ihr Wasser abgeschlagen, wo sie glaubten, dass es möglich sei. Bisher hatte das Benimmbuch "Die Galante Ethica" des Pfarrers und Schriftstellers Johann Christian Barth (1682-1734) zumindest die Etikette vorgegeben: "Gehet man bey einer Person vorbey, welche sich erleichtert, so stellet man sich, als ob man solches nicht gewahr würde, und also ist es auch wider die Höflichkeit, selbige zu begrüßen."

Cafe Achteck am Chamisso-Platz
Das Cafe Achteck am Chamisso-Platz in Berlin
Foto: © -wn-

Inzwischen war es mit Wegsehen nicht mehr getan; es verbreitete sich in Berlin ein zunehmendes bürgerliches Bewusstsein für größere öffentliche Sauberkeit und Hygiene. Der Amsterdamer Soziologe Norbert Elias (1897-1990) hat in seinem Werk "Über der Prozess der Zivilisation" das Bemühen der Menschen um mehr Sauberkeit im Detail beschrieben. Er zitiert eine Hofordnung, die es verbot, dass jemand "Treppen, Gänge und Gemächer mit dem Urin oder anderem Unflath verunreinigt". Er solle vielmehr "wegen (seiner) Notdurft an gebührliche, verordnete Orte gehen". Und dieses sich verbreitende Denken mündete nach der Revolution von 1848 wieder in einen Spott- und diesmal auch Hilferuf. Es ist abermals diese ureigene Berliner Verbindung eines effektvollen Witzes und mit einem ernsten Appell. Der Ruf ging in Richtung des nach der Revolution eingesetzten und für seine strenge Überparteilichkeit bekannten Polizeipräsidenten Karl Ludwig von Hinckeldey (1805-1856). Der Präsident, der später wegen dieser strikten Haltung von adligen Kreisen zu einem Duell provoziert wurde, starb nach einer solchen Schießerei. In die Stadtgeschichte geht er ein als Empfänger der Aufforderung von Bürgern: "Ach lieber Vater Hinckeldey / mach uns für unsre Pinkelei / doch bitte einen Winkel frei!" Die Urheber des Reimes wollten durchaus nicht nur spaßhaft sein. Es bestand dringender Handlungsbedarf. Über die dramatische Lage berichtet der sozialdemokratische Politiker August Bebel (1840-1913) in seinem Buch "Aus meinem Leben": "Mit den hygienischen Zuständen war es übel bestellt. Eine Kanalisation war noch nicht vorhanden. In den Rinnsteinen, die längs der Bürgersteige hinliefen, sammelten sich die Abwässer der Häuser und verbreiteten an warmen Tagen mephitische (verpestende) Gerüche. Bedürfnisanstalten auf den Straßen oder Plätzen gab es nicht. Fremde und namentlich Frauen gerieten in Verzweiflung, bedurften sie einer solchen."

Polizeipräsident von Hinckeldey läßt erste öffentliche Toiletten bauen Der Präsident reagierte, wenn auch mit Verzögerung. 1854 erteilte er dem Privatunternehmer Ernst Litfaß (1816-1874) die Konzession zur Aufstellung von 180 Anschlagsäulen mit der Bedingung, dass fünfzig davon gleichzeitig als Umhüllungen von Straßenpumpen und dreißig als Einmann-Urinale dienen sollten. (Die Urinale in Litfaßsäulen wurden nie gebaut.) Das Verlangen, seine Notdurft in einer öffentlichen Einrichtung verrichten zu können - diese Forderung war revolutionär. Man kannte doch bis dahin nur den "höchst nothwendigen Ort bei einer Haushaltung, dahin der Mensch, seinen Leib zu erleichtern, Abtritt nehmen kann", so erläutert ein zeitgenössisches Lexikon das "heimliche Gemach", die Toilette. Sich aber im Weichbild der Stadt erleichtern zu können - das war eine Neuheit. Ab 1863 kommt Bewegung in "unsere Pinkelei"; die ersten beiden Toiletten-Anlagen aus Holzwänden werden gebaut, eine zweiständige auf dem Askanischen Platz und eine einständige an der Fischerbrücke - natürlich nur für Männer. Nach weiteren 13 Jahren gibt es 56 solcher Anlagen in Berlin, alle sogar ausgerüstet mit einer kostenlosen Wasserspülung. Die Aufstellung dieser Anlagen hatte der Polizeipräsident Guido von Madai (1810-1892) veranlasst. Und weil sein Name einen asiatischen Einschlag besaß, erfand die Berliner Schnauze für die neuen "Stehanstalten" den klingenden Namen "Madai-Tempel". Lange Zeit herrschte in der Berliner Stadtverwaltung jedoch die Annahme vor, dass Frauen "ihr Geschäft" vor dem Ausgehen gefälligst zu Hause erledigen sollten. Doch in den 1870er Jahren entstanden erste Frauen-Toiletten in öffentlichen Gebäuden, in Gymnasien und 1874 sogar im Roten Rathaus. In Parks wurden Anlagen für Frauen von Privatunternehmern gegen Geld betrieben. Berliner Stadtbaurat Carl Theodor Rospatt ist der Erfinder des Cafes Achteck Wenige Jahre später, im Jahr 1878, legt der Stadtbaurat Carl Theodor Rospatt (1831-1901) einen Entwurf für neuartige öffentlichen Bedürfnisanstalten vor. Er sorgte dafür, dass die bisherigen durchaus duftauffälligen öffentlichen Pissoirs und Pinkelrinnen durch jenes Häuschen ersetzt wurden, die wir heute als Cafe Achteck kennen. Es besteht aus sieben grün lackierten gusseisernen Wandsegmenten, einem vor die türlose Öffnung gestellten Sichtschutz und bildet insgesamt einen achteckigen Grundriss, auf dem sich jeweils sieben Stehplätze befinden. Man nannte das "Cafe" wegen seiner grünen Farbe auch den Waidmannsluster Typ. Für die ungewöhnliche Wahl der Farbe ist keine Erklärung bekannt. Man staunte wie seinerzeit auch der französische Schriftsteller Alexandre Dumas (der Ältere) (1802-1870), dem auf einer Rußlandreise 1858-1859 auffällt, dass die Russen "für die Kuppeln ihrer Kirchen und Dächer ihrer Häuser die grüne Farbe (lieben), was in manchen Fällen zu bedauern ist, weil sich zwar das Grün der Kuppeln vom Blau des Himmels abhebt, das Grün der Dächer aber nicht mit dem Grün der Bäume harmoniert". So ähnlich verhält es sich auch in Berlin, wenngleich die Schnelligkeit, mit der der vom Harndrang Getriebene das rettende grüne Häuschen entdecken kann, ziemlich groß ist. Möglicherweise erschien den Produzenten der stabilen gusseisernen Wände das naheliegende kräftige und lichtechte Berliner Blau, das man auch als Preußisch Blau kannte, zu aristokratisch, als dass man damit eine öffentliche "Urinieranstalt für Krethi und Plethi" hätte anstreichen können. Groß-Berlin verfügt im Jahre 1920 über etwa 142 Pissoirs des Waidmannsluster Typs. Die etwa 25 heute noch erhaltenen "Cafes" besitzen historischen Wert und sind meist funktionsfähig.

Und man solle nicht annehmen, dass die Bedürfnisanstalt aus Gründen des Schicklichen so weit an den Rand des öffentlichen Lebens gedrängt wäre, dass sie zum Beispiel nicht auch als literarischer Ort in Frage käme wie eine Küche oder ein Königspalast. Eines Besseren belehrt uns der österreichische Dichter Franz Grillparzer (1791-1872), der ein Erlebnis an nämlichem Ort hatte und daraufhin eine dichterische Idee gebar, mit der er die Geldgier der Oberen Zehntausend zu geiseln beabsichtigte.
Das Gedicht geht so:

"Auf ein Groschenstück, das ich auf dem Abtritt fand
und mit folgenden Versen daselbst liegen ließ:
Ein Tugendfreund fand hier dies Groschenstück.
Vergessend auf sein eignes Glück
Und mit dem Edelmute eines Briten
Stellt ers dem Eigentümer hier zurück
Und zeigt, dass großer Sinn nicht in der Großen Mitte,
Nicht bei den Erdengöttern thront,
Dass er auch in der Armut Hütte,
Ja, selber auf dem Abtritt wohnt."

Text: -wn- / Stand: 03.12.2018 / Alle Angaben ohne Gewähr!

Weitere Cafes Achteck in Berlin:

  • Ecke Chamissoplatz /Arndtstraße in Kreuzberg
  • Ecke Fellbacher Platz / Heinsestraße in Hermsdorf
  • Gendarmenmarkt, Ecke Französische Straße / Markgrafenstraße in Mitte (umgebaut für beide Geschlechter)
  • Ecke Karl-Marx-Straße / Kirchhofstraße in Neukölln
  • Leuthener Platz, Ecke Leuthener Straße / Naumannstraße in Schöneberg
  • Pekinger Platz Wedding
  • Ecke Rüdesheimer Platz / Rüdesheimer Straße in Wilmersdorf, (umgebaut für beide Geschlechter)
  • Senefelderplatz, Ecke Schönhauser Allee / Metzer Straße in Prenzlauer Berg
  • Stephanplatz, Ecke Stephanstraße/Havelberger Straße im Moabiter Stephankiez
  • Unionplatz, Ecke Siemensstraße/Oldenburger Straße in Moabit
  • Ecke Huttenstraße/Wiebestraße in Moabit, (verschlossen)
  • Ecke Schloßstraße/Berliner Straße, Nähe U-Bahnhof Alt-Tegel
  • U-Bahnhof Alt-Mariendorf, Ecke Friedenstraße/Mariendorfer Damm in Tempelhof

Sehenswertes in Berlin:

Sehenswürdigkeiten in Berlin: