Adenauerplatz in Berlin

In diesem Artikel erfahren Sie Interessantes über den Adenauerplatz in Berlin. Zum Beispiel einiges über die Geschichte des Adenauerplatz.

Der Adenauerplatz in Berlin: Weiße Dame, "harter Hund"

Adenauerplatz in Berlin
Das Adenauer-Denkmal aus dem Atelier der Bildhauerin Helga Tiemann auf dem gleichnamigen Platz in Berlin-Charlottenburg. Die Skulptur ist eine Stiftung der Wall AG. - Foto © -wn-

Wo in Berlin-Charlottenburg die nach einem Londoner Stadtteil benannte Lewishamstraße auf den Kurfürstendamm trifft, dort - zwischen Häuserfronten eingeengt - dehnt sich der kleinräumige, teils baumbestandene Adenauerplatz in der Form eines spitzwinkligen Dreiecks aus. Naheliegend ist die Erwartung interessierter Menschen, wenn sie sich vor Ort umtun, dass mehr als nur Straßenschilder mit dem Namen des früheren westdeutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer (1876-1967) ins Auge fallen. Man möchte etwas Näheres sehen, was mit dem Namensgeber zusammenhängt. Immerhin war der Rosen züchtende "Alte aus Rhöndorf" von gehörigem politischem Kaliber; manche sagen: wegen seines Eigensinns auch, wenn es ihm angebracht schien, ein "harter Hund".

Aber wo ist er nun auf dem Platz? Nichts im Umkreis scheint auf den ersten Blick auf ihn hinzudeuten. Hat der katholisch orientierte Mann in Berlin etwa kein Denkmal, weil er der preußischen Aufklärung ferne stand? Andere dachten doch ähnlich und bekamen trotzdem ihre Denkmäler. Zwei Männer, denen er an Intelligenz in nichts nachstand, sind im Zentrum zwischen Spandauer Straße und Flussufer, dort wo die Liebknechtstraße die Spree überquert, so postiert, dass man sie nicht suchen muss. Die beiden überlebensgroßen, dunkel patinierten Bronzefiguren aus der Werkstatt des Bildhauers Ludwig Engelhardt (1924-2001) stellen den Trierer Privatgelehrten Karl Heinrich Marx (1818-1883) und seine Finanzquelle, den Barmer Unternehmer und Publizisten Friedrich Engels (1820-1895) dar. Der eine sitzt, der andere steht. Ihre ernsten Gesichter scheinen von einer nachhaltigen Betroffenheit zu erzählen - über den flächendeckenden Missbrauch ihrer Gesellschaftstheorie in der DDR.
(Siehe auch den Beitrag "Das Marx-Engels-Denkmal in Mitte: Mohr und Fred verschoben und gedreht".)

Im Fall des Konrad Adenauer wird man nach einigem Suchen auf dem Platz mit Überraschung feststellen, dass es heutzutage nicht nur Denkmäler mit stehenden oder sitzenden Persönlichkeiten gibt. Man begegnet gelegentlich auch einem "laufenden Denkmal"; also einer Statue, die den Eindruck erweckt, als ob sie den Ort, an dem man sie aufstellte, unbeirrt verlassen will. Und man entdeckt den Kanzler schließlich zu ebener Erde inmitten von Passanten, die aus dem Dreieck des Platzes in Richtung des U-Bahnhofes am Kurfürstendamm unterwegs sind. Er ist unter ihnen, läuft eilenden Schrittes mit, als ob auch er seine Bahn noch erreichen muss. Die am 19. April 2005 eingeweihte Bronze-Statue macht gerade mit dem linken Bein einen Schritt nach vorn; nur das hintere Ende des Absatzes berührt den Boden, und die Laufsohle des Schuhes sieht man von unten. Der rechte Fuß ist auf dem Boden. Die Eile des Manns bezeugt auch der vom Körper weggeblähte rechte Schoß des offenen Mantels, der an den "Mantel der Geschichte" seines fünftnächsten Nachfolgers Helmut Kohl (geb. 1930) erinnert. Mit spitzen Fingern hält er links den Hut.

Mathias Richlings köstliche Adenauer-Parodie

Blickt man in das Gesicht Adenauers, dem der hochmütige Ernst des Originals zugunsten einer mit leichter Ironie versetzten Freundlichkeit fehlt, ist man an eine köstliche Parodie des Kabarettisten Mathias Richling (geb. 1953) aus dem Jahre 1979 erinnert. In dessen Satire auf den zwölf Jahre zuvor verstorbenen Kanzler lässt er diesen selbst zu Wort kommen. Richling imitiert hinreißend das rheinisch eingefärbte distinguierte Hochdeutsch Adenauers. Mit Bezug auf sein Gesicht ruft dieser aus dem Grab herauf: "Schon zu meinen Lebzeiten taten sich die Karikaturisten schwer, mein Gesicht zu zeichnen, weil ihnen der ionische Faltenwurf fremd war." Diese Jacke muss sich die Schöpferin der 1,85 m hohen Bronzestatue, die Zeichnerin und Bildhauerin Helga Tiemann (1917-2008), nicht anziehen. Sie zeigt ihre Sicht auf den Mann. Natürlich hat sie ihn zu anderer Zeit auch photographisch genau gemalt. Die hohe Stirn, die hervortretenden Wangenknochen und die leicht eingedrückte Nase sind in der Skulptur nicht verschwunden, jedoch zurückgenommen. Man könnte die Figur für einen Kanzleiangestellten oder einen Gerichtsvollzieher halten, der noch pünktlich zu einer Zwangsvollstreckung kommen will.

Die Skulptur aus Helga Tiemanns Atelier wird als Höhepunkt ihres künstlerischen Schaffens angesehen. Die Künstlerin war in der westdeutschen Upperclass eine gefragte Porträtmalerin. Bilder von Theodor Heuss (1884-1963), Richard von Weizsäcker (1920-2015) und Ronald Reagan (1911-2015) gehören zu ihrem umfangreichen Werk. Mitte der 1950er Jahre erhält sie vom Düsseldorfer Henkel-Konzern den Auftrag, die 1922 vom Gebrauchsgrafiker Kurt Heiligenstaedt (1890-1964) kreierte Weiße Dame aus der PERSIL-Werbung dem gewandelten Zeitgeist anzupassen. Die Weiße Dame warb auf den alten Plakaten wie eine russische Landgräfin in weißem Kleid und mit weißem Florentiner-Hut für das bekannte Waschmittel. In den fünfziger Jahren will das Unternehmen sie als eine selbstständige, modische junge Frau erscheinen lassen. Auf den Plakaten sieht man nun eine junge selbstbewusste Frau mit schmaler Taille und kurzer Frisur. In Erinnerung an die Vorgängerin trägt sie auch ein weißes anliegendes Kleid. Helga Tiemann machte sie zu einer Frau, die mit beiden Händen ein überdimensionales PERSIL-Paket an den Busen drückt. Sie macht dabei eine glückliche, ja durchaus erotische Miene, so als würde sie dem von der Arbeit heimgekehrten Gatten, dem sie eben sie Hausschuhe brachte, bald intim begegnen. "Aus Liebe zur Wäsche" ist das Ganze untertitelt.

Als Helga Tiemann die neue Weiße Dame entwickelte, ist Konrad Adenauer bereits mehr als ein halbes Jahrzehnt im Amt. Es war die Zeit, in der die BRD (alt) am 9. Mai 1955 in die NATO aufgenommen wurde. Der hagere Mann, der von 1949 bis 1963 Kanzler war, steht in dieser Zeit im Mittelpunkt politischer Auseinandersetzungen, nicht von ungefähr ist er im Kalten Krieg aktiv. Mit der Hallsteindoktrin versucht er, der "Soffjetzone" die weltweite Anerkennung zu verwehren, und er entpuppt sich als ein Mensch, der den ersten bitter-ironischen Satz des Kommunistischen Manifestes "Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Kommunismus" als Beschreibung einer tatsächlichen Gefahr betrachtete. Er war bekennender Antikommunist. Im Lande wird der Witz erzählt "Adenauer fährt über die Deutzer Brücke in Köln". Der Witz geht so: Der Bundeskanzler fährt mit dem Auto vom Heumarkt in der Kölner Innenstadt kommend über die Deutzer Brücke. Bei dieser Passage argwöhne er stets, dass am anderen östlichen Brückenende schon das westsibirische Tiefland beginnt.

Skulptur Humanoids
Die "bewegte" Skulptur "Humanoids" des tschechischen Bildhauers Michal Trpák (geb. 1982). Die übermannsgroßen hastenden Figuren befinden sich in der Straße Lannova Trida (Allee) im südböhmischen Ceské Budejovice (Budweis). - Foto © -wn-

Karl-Eduard von Schnitzler und die Feindesliebe

Im Osten wird gegen ihn die Feststellung von Thomas Mann (1875-1955) in Stellung gebracht, wonach der Antikommunismus die Grundtorheit des Jahrhunderts sei - ein beispielloser Irrtum eines großen weisen Dichters. Konrad Adenauer denkt so wie es der Autor Eugen Ruge (geb. 1954) Jahrzehnte später in seinem Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" ausdrückt: "Der Kommunismus ... ist wie der Glaube der alten Azteken. Er frisst Blut." Der Kanzler kann zum Osten kein Vertrauen fassen. So wird er auch der erklärte Lieblingsfeind des Chefkommentators des DDR-Fernsehens Karl-Eduard von Schnitzler (1918-2001). In dessen Sendung "Der Schwarze Kanal" am 15. Januar 1979 zum Thema "Konrad Adenauer und die historische Größe" holt der schrille Herold eines vermeintlichen Sozialismus zum Schlag aus: Bei dem früheren Bundeskanzler handele es sich um einen Menschen, "dessen Spuren ... bis heute in der deutschen Geschichte, in der Geschichte Europas und eines großen Teils der Welt unleugbar und historisch nachweisbar höchst negativ wirksam sind". Von Schnitzler schien den verhassten "Bonner Ultra" - nach dem Bergpredigtgebot Jesu von der Feindesliebe (Matthäus 5,38-48) - tatsächlich auf seine Weise zu lieben - aber nur deshalb, weil er den Hass auf diesen Feind so überaus liebte. Neben solchen Anwürfen gibt es noch andere schwergewichtige Kritik. 1999 erklärt der französischer Schriftsteller Michel Tournier (1924-2016): "Für mich hat Deutschland im 20. Jahrhundert drei Katastrophen erlebt: Wilhelm II., Hitler und Adenauer. Letzterer sei "ein katholischer Rheinländer (gewesen), der Preußen und die protestantischen Ostdeutschen verabscheute". Er habe "überhaupt kein Interesse an einer Wiedervereinigung" gehabt. Er sei der "wahre Verantwortliche für die (Existenz der) DDR und die Berliner Mauer".

Zum Glück gibt es die unbestechliche Grande Dame des Weltgeschehens, die man auch kurz die Geschichte nennt. Sie fand - jeweils nach Zeitverlauf - noch immer eine gültige Bewertung politischer Aktionen und Akteure. Auch im Falle des sarkastischen Rheinländers, der von ablehnenden Gefühlen gegen all diejenigen bewegt war, die links von ihm standen. Es ist der Mann, der im Jahre 1949 in Bonn Präsident eines Parlamentarischen Rates wird. Das Gremium soll neue gesellschaftliche Grundlagen schaffen, darunter ein westdeutsches Grundgesetz, eine Verfassung, die sich auf die von der Französischen Revolution von 1789 proklamierten Menschen- und Bürgerrechte stützt. Unter seiner Mitwirkung entstand dieses Gesetz, das eine zivilisatorisch bedeutsame Gewaltenteilung ("Checks and Balances") festschreibt. Es soll nach menschlichem Ermessen eine erneute Diktatur in Deutschland ausschließen. Dieses einzigartige Gesetzeswerk machte Westdeutschland, später ganz Deutschland zu einem Rechtsstaat - in dem es freilich nicht ohne Skandale und Krisen abgeht. Im Mai 2017 schreibt DER SPIEGEL vorsichtig optimistisch: "Einstweilen beständig ist das Grundgesetz - ein Ensemble von Regeln, das sich als belastbar erwiesen hat."

Ferner gelang es Konrad Adenauer, mit dem 1948 gegründeten Staat Israel ein nach dem Holocaust für unmöglich gehaltenes gutes Verhältnis zu begründen. Gegen Widerstände im eigenen Land setzte er durch, dass Israel eine Wiedergutmachung in Höhe von 3,45 Milliarden DM erhielt. Allerdings hatten auch die USA stillen Druck ausgeübt. Am 14. März 1960 trafen Konrad Adenauer und der erste israelische Ministerpräsident David Ben Gurion (1886-1973) im Hotel Waldorf Astoria in New York zusammen - eine weltgeschichtlich bedeutsame Begegnung. Hier musste sich der Bundeskanzler allerdings überwinden und mit dem sozialdemokratisch orientierten David Ben Gurion das begründen, was bis heute in der deutschen Außenpolitik parteiübergreifend (?) gilt: Wer in Israel auch regiert - die BRD steht ohne Wenn und Aber zum Existenzrecht des jüdischen Staates. Sie verdrängt nicht das beispiellose Verbrechen Hitlerdeutschlands an den europäischen Juden. Am 7. Mai 2017 bekräftigte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (geb. 1956) dieses Schuldbekenntnis neuerlich im Gästebuch der Gedenkstätte Yad Vashem auf dem Jerusalemer "Berg der Erinnerung": "Unfassbare Schuld haben wir Deutsche auf uns geladen". Die sich damals so internationalistisch gebende DDR hat gegenüber dem jüdischen Staat keinerlei politische wie finanzielle Verpflichtung empfunden. Karl-Eduard von Schnitzler hatte eine Erklärung dafür, warum die deutschen Verbrechen an den Juden in der DDR keinen Widerhall fanden. Im "Schwarzen Kanal" bestritt er die Notwendigkeit einer Wiedergutmachung von ostdeutscher Seite mit der sophistischen Begründung: "Den Staat Israel hat es während der Hitler-Verbrechen noch gar nicht gegeben."

Die deutsch-französische Aussöhnung gelingt

Es ist ebenso ein Glücksfall für Europa, dass es Konrad Adenauer und dem französischen Ministerpräsidenten Charles de Gaulle (1890-1970) gelang, die deutsch-französische Feindschaft zu beenden und eine weitreichende Aussöhnung herbeizuführen. Der Pariser Universitäts-Professor François Kersaudy (geb. 1948) schrieb, den von beiden Politikern unterzeichnete Deutsch-Französische Vertrag vom 22. Januar 1963 "umgaben zur damaligen Zeit mancherlei Verärgerungen und Missverständnisse, die aber letztendlich durch das gegenseitige Vertrauen und die hohe Bewunderung dieser beiden Ausnahmegestalten füreinander überwunden wurden. Ihr gemeinsames Vorgehen hat ... die Geschichte Europas unumkehrbar geprägt". Fünf Jahre vor dem Vertragsabschluss, am 14. September 1958, war Konrad Adenauer in de Gaulles Anwesen Boisserie in Colombey-les-Deux-Eglises zu Gast. Und es bedrängt ihn damals der Gedanke, mit welchem Grad an Kühle er dort wohl aufgenommen werden würde. An zwei Tagen finden intensive Vieraugengespräche statt. In deren Verlauf "entdeckt der vom General mit ausgesuchtester Liebenswürdigkeit empfangene Adenauer ... einen Mann und vor allem ein Wollen, die ihn auf immer prägen werden: Die Ära des deutsch-französischen Gegeneinander ist für immer vorbei", schrieb der Pariser Professor. Es gäbe niemand, hatte Charles de Gaulle am Schluss erklärt, "der geeigneter wäre, meine Hand zu ergreifen. Und niemanden, zu dem ich die meine besser ausstrecken könnte".

Konrad Adenauer hinterließ zahlreiche Aussprüche. Er habe einmal sogar die viel zitierte Sentenz geäußert: "Was interessierte mich mein Geschwätz von gestern" oder das selbstironische Bonmot "Ich bin diktatorisch, nur mit stark demokratischem Einschlag". Doch er kannte auch die ehrliche Emphase. Mit Blick auf Frankreich formulierte er: "Jedes Mal, wenn ich in den Élysée-Palast komme, ist es ein bisschen so, als ob ich nach Hause käme." Dafür hatte er auch etwas getan.

Verkehrsinformation:
Der Adenauerplatz ist mit der U-Bahn U7 zu erreichen.
Text: -wn- / Stand: 18.05.2017

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