Centrum Judaicum in Berlin

Das Centrum Judaicum ist ein Gebäude von herausragender Bedeutung für die Geschichte der Juden in Berlin.

Das Berliner Centrum Judaicum: museal, markant und maurisch

Ein Nichtjude, ein Goyim, träumte einst von einer Synagoge - er hieß Erich Honecker (1912-1994). Und das kam so: Weltweit war die DDR de-facto anerkannt. Im September 1987 hatte sogar das Wachbataillon der Bundeswehr vor dem Bonner Kanzleramt zu Ehren des Angereisten die DDR-Nationalhymne intoniert. Nun hielt es der ostdeutsche Landeschef für unumgänglich, neben der BRD (alt) besonders die USA zu einer Rundum-de-iure-Anerkennung zu bewegen. Deshalb wollte er nun auch einmal vor dem Kamin im Oval Office des USA-Präsidenten und natürlich im Gespräch mit diesem abgelichtet werden. Deshalb hatte er ein Auge auf den linken Kamin-Sessel im präsidialen White-House-Office geworfen. Im Rücken hat man dort das Gemälde des Erst-Präsidenten George Washington (1732-1799), rechts das Porträt des sechzehnten Amtsinhabers Abraham Lincoln (1809-1865), der die USA auf den Weg zur zentral regierten Großmacht brachte. Auf der anderen Seite tickt die ehrwürdige Oval Office Clock, eine vor über 200 Jahren von der Bostoner Firma John and Thomas Seymour in der Serie "Furniture Masterworks" ausgelieferte Standuhr. Ihr sanftmütig anklingendes Schlagwerk hält jede Outdoor-Krise zumindest fürs erste fern. Seine Einladung wollte Honecker mit der Synagogen-Rekonstruktion in der Oranienburger Straße vergelten, mit der vor allem die einflussreiche jüdische Lobby in den USA beeindruckt werden sollte. Goyim Honecker verfehlte, wie bekannt, das Weiße Haus um fünfzehn Breitengrade und landete 1993 über 8000 Kilometer weiter südlich in Chiles Hauptstadt Santiago. Doch sein zwar von unreligiösen Gedanken inspirierter Synagogen-Traum geht ein Jahr nach seinem Tod in Erfüllung!

Informationen über das jüdische Leben in Berlin

Foto vom Berliner Centrum Judaicum
Jüdisches Leben in Berlin - Berliner Centrum Judaicum
Foto: © -wn-

Bereits am 9. November 1978 war Unglaubliches geschehen. 1500 Teilnehmer eines ökumenischen Gottesdienstes in der Sophienkirche an der Großen Hamburger Straße laufen in einer Art Marschblock - halb Demo halb Ausflug - auf dem Trottoir schweigend zur Ruine dieser Synagoge, dem einstmals größten und imposantesten jüdischen Gotteshaus in Deutschland. Seine Einweihung geht auf das Jahr 1866 zurück. Zum Andenken an die Holocaust-Opfer legen die "Spaziergänger" Kränze nieder. Es ist der 40. Jahrestag des Judenpogroms der SA in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938, "womit das blutige Ende der deutschen Judenheit begann", wie der Politologe Harald Schmidt betont. Das Ausbleiben von DDR-Polizei zur Unterbindung des wohl unangemeldeten Aufmarsches war beredt. Es dräute die in Ansätzen hoffnungsvolle Zeit, in der ehedem wenig beachtete Gestalten wie Friedrich II., Martin Luther oder Otto von Bismarck in gewogenerem Licht erscheinen dürfen und sich auch das Verhältnis staatlicher Stellen zu den kleinen jüdischen Gemeinden auf soliderer Basis bewegt. Mehr noch: Im propagandistisch durchgeplanten Zeitraum zwischen dem 49. und 50. Jahrestag der Pogromnacht erfahren die DDR-Bürger mehr über die Judenverfolgung als in der gesamten Zeit zuvor, erinnert sich der Autor Wolfgang Boeckh in der "Tribüne. Zeitschrift zum Verständnis des Judentums". Und so verwundert es nicht, dass im Juli 1988 im Zusammenwirken von lange geäußertem jüdischen Aufbauwillen, dem Zeitgeist und Honeckers Hintergedanken der Stiftungsbeschluss geboren wurde, die 29 Meter lange Straßenfront der Synagoge und die Hauptkuppel originalgetreu zu rekonstruieren. Am 10. November wird symbolisch der Grundstein gelegt - knapp 130 Jahre nach der ersten Grundsteinlegung. Damals hatte man begonnen, den Entwurf des Architekten Eduard Knoblauch (1801-1865) umzusetzen. Das Haus wurde mit historisierenden maurischen Stil-Elementen bestückt, Pate stand die Alhambra im südspanischen Granada. Eine Zweiturmfassade beeindruckte wie auch die von vergoldeten Rippen überzogene und das Weichbild Berlins mitbestimmende Kuppel, die der David-Stern krönt, sowie das dreiteilige Portal. Im Inneren zeigte die Halbkuppel des Tora-Schreines ein Sternenmuster von reicher Ornamentik ergänzt.

Wer heute vor dem markanten Gebäude steht, kann begreifen, dass sich damals die Publizistik fasziniert zeigte. Theodor Fontane schildert ein Gotteshaus, "das an Pracht und Großartigkeit ... alles weit in den Schatten stellt, was die christlichen Kirchen unserer Hauptstadt aufzuweisen haben". Die Berliner "National-Zeitung" schreibt von "eine(r) Zierde der Stadt". Die "Vossische Zeitung" schwärmt: "Das Licht strömt durch die bunten Scheiben magisch gedämpft und verklärt." Indessen ist das Urteil des Berliner Judentums nicht durchweg positiv. Deshalb druckte das satirische Wochenblatt "Kladderadatsch" eine Karikatur, die einen liberalen sowie einen orthodoxen Juden zeigt, nach dessen Meinung das - entgegen dem alten jüdischen Ritus - nun gar mit einer Orgel ausgestattete Gotteshaus ein "schönes Theater, aber keine Synagoge..." sei. Heute ist das Haus in der Oranienburger Straße keine aktive Synagoge mehr. Konnte in der Pogromnacht das gelegte Feuer dank des beherzten Polizisten Wilhelm Krützfeld (1880-1953) zwar noch schnell gelöscht werden, umso schwerer wurde das Haus bei Bombenangriffen beschädigt. 1958 sprengte man die Ruine des Hauptraumes und riss die Kuppel ab. 1994 waren das Gebäude an der Straßenfront und die Kuppel wiederhergestellt.
Im dritten Stock befindet sich ein Bet-Raum mit knapp 100 Plätzen, in dem eine kleine freie Gemeinde am Schabbat und an Feiertagen Gottesdienste feiert.

Das entstandene Centrum Judaicum im wieder aufgebauten Teil der Synagoge hat sich die Aufgabe gestellt, die Geschichte der Juden in Berlin und seinem Umfeld aufzuarbeiten. Es will an die Leistungen der jüdischen Bevölkerung erinnern und das Gedenken an die jüdischen Opfer bewahren. Eine museale Ausstellung im Inneren stellt sich dieser wichtigen Aufgabe. Ihr Leitwort ist dem Buch des Propheten Jesaja (26,2) im Alten Testament, der jüdischen Bibel, entnommen und unterstreicht die einladende Intention des Hauses: "Tut auf die Tore, dass hineingehe das gerechte Volk, das den Glauben bewahrt!" Mit welchen Erkenntnissen, Einsichten und Emotionen der Besucher das Haus auch verlässt - eine drückende Unzahl an auf ewig offenen Einzelfragen bleibt. Wie diese, von der der israelische Schriftsteller Amos Oz (geb. 1939) in seinem Buch "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" schreibt. Dessen nach Palästina ausgewanderter Vater Yehuda Klausner widmete sein Buch über die hebräische Novelle dem im litauischen Wilna (Vilnius) verschollenen Bruder. "Meinem ersten Lehrer der Literaturgeschichte - / meinem einzigen Bruder / David / der mir in der Finsternis der Diaspora verlorenging. / Wo bist du?"

Wie man zum Centrum Judaicum in Berlin Mitte kommt:

Die Stiftung "Neue Synagoge - Centrum Judaicum" hat die Adresse Oranienburger Straße 28/30 in 10117 Berlin. Das Haus ist behindertengerecht. In unmittelbarer Nähe hält die Straßenbahn M1 (S-Bahnhof Oranienburger Straße). Dieser S-Bahnhof wird von den Linien S1 und S2 bedient. In unmittelbarer Nachbarschaft befinden sich jüdische Gemeindeeinrichtungen, Restaurants, Cafés und die Jüdische Galerie.

Öffnungszeiten im Centrum Judaicum

Das Museum ist wie folgt geöffnet:
Januar - März
So - Do 10:00 Uhr - 18:00 Uhr
Fr 10:00 Uhr - 15:00 Uhr
Sa geschlossen

April - September
Mo - Fr 10:00 Uhr - 18:00 Uhr
So 10:00 Uhr - 19:00 Uhr
Sa geschlossen

Oktober - Dezember
So - Do 10:00 Uhr - 18:00 Uhr
Fr 10:00 Uhr - 15:00 Uhr
Sa geschlossen

Die Kuppel kann nur von April bis September besichtigt werden.

Eintrittspreise im Centrum Judaicum

Erwachsene 7€, Ermäßigt 4,50€
Familienticket 20€ (2 Erwachsene + max. 3 Kinder bis 16 Jahre)
Audioguide 3€
Es werden auch verschiedene Führungen angeboten.
Text: -wn- / Stand: 27.10.2018 / Alle Angaben ohne Gewähr!

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