Beseelendes Berliner Balkonien / Ein Sanssouci en miniature

Urlaub in Balkonien - keineswegs selten in Berlin. Das ist Entspannen bei Straßengeräuschen
Balkon am Kollwitzplatz
Balkon an einem Haus am südlichen Ende
der Hagenauer Straße nahe dem
Kollwitzplatz im Prenzlauer Berg Foto © -wn-
mit Martinshorn und Gebrüll von Fans,
wenn diese aus dem Stadion kommen. Und auch einsam ist man nicht. Einblicke in die kleine Vorbauwelt gibt es von rechts, von links und manchmal auch von oben.
Die Balkonier wissen aber auch, worauf sie verzichten, verzichten können - oder müssen: Sie versagen sich etwa die Kreuzfahrt auf Hoher See, wo man sich unter beiläufiger Betrachtung von Meer und Küste bei "All inklusive" von morgens bis spät nachts den Bauch vollschlägt, sie verzichten auf das Schlachtfest in Mecklenburg oder aufs Weinverkosten an Rhein und Mosel, wo Wirt und Winzer auf erklecklichen Umsatz hoffen. Natürlich ist auch eine Philosophie zur Hand. Die Balkonier säßen - so hört man es sagen - während des Sommers vorm Balkon in eben jenen gemütlichen Söllern und meinen, sie täten es wegen des hohen ästhetischen Wertes der Ansitze in freier Luft.
Deshalb flüchten sie dorthin aus dem Alltag mit seinen teils aufreibenden Konflikten. Ja, sie erklären den Balkon zu ihrem beseelenden Sanssouci en miniature - zur sorgenfreien Zone, wenn auch ganz im Engen und Kleinen. Den Zeitgenossen ohne Balkon sind diese Rückzugs-Genüsse fremd. Deshalb wird es sie wohl staunen machen, wenn sie lesen, welche Annehmlichkeiten ein solcher Vorbau selbst in kühlen Nächten bietet. Man lese nur, was der französische Dichter Charles Baudelaire (1821-1867) im Gedicht "Der Balkon" (Gedichtsammlung "Die Blumen des Bösen") an Überraschendem zu Papier brachte: "In stillen Nächten bei der Kohle Glut, / Auf dem Balkon, vom rosigen Duft umgeben, / Wie war dein Busen süß, dein Herz mir gut, / Wir tauschten Worte, ewig wie das Leben, / In stillen Nächten bei der Kohle Glut!"

Die Frage ist, ob ein solches Idyll auch auf jenem mittlerweile berühmt gewordenen Balkon im ersten Stock
Plakat
Auf Tatendrang und Kampfentschlossenheit getrimmtes
Plakat zum ersten Fünfjahresplan 1951-1955,
mit dem sich die DDR an den sowjetischen Rhythmus
der Planwirtschaft anpasste.
Foto © -wn-
eines Hauses am südlichen Ende der Hagenauer Straße nahe dem Kollwitzplatz entstehen kann oder sich dort gar Amouren dieses extensiven Ausmaßes abspielen können (siehe Foto). Der Raum für Spekulation und die Lust, sich zumindest entsprechende Vorstellungen zu machen, sind naturgemäß groß. Die Passanten unten auf dem Trottoire können es erst einmal gar nicht verhindern, dass ihnen der üppig geschmückte Vorbau beim Vorübergehen ins Auge sticht. Förmlich zieht es den Blick nach oben. Und zu fragen ist dann, ob dort eine erotische Seelenlage entstehen kann oder ob die Überbelegung der Vorderfront an Getier und weiteren wunderlichen Kreaturen Gefühle von Liebe und Hinneigung niederschlägt. Denn was sieht man da oben im Einzelnen? In künstlichem Laub stehen Pilze, Kleintiere mit ausgreifenden Geweihen, Hasen die Menge, Zwerge mancherlei Größen, darunter solche mit Laterne, Schaufel oder Hammer, ferner zwei Eichkatzen auf einem Brett in der Tür zum Innenraum und eine zentral postierte blau gewandete Gans. Zu sehen sind die oft unberechenbaren, ja bösartigen Wichtel. An mehreren Stellen stehen normierte Gartenzwerge, erkenntlich an ihrem Gleichmut und ihrer Freundlichkeit, jeder ein maitre de plaisir spirituel - ein Freude auslösender Prinzipal der guten Laune. Das war nicht immer so: Der Gartenzwerg, wie wir ihn kennen, stammt aus der schwerblütigen nordischen Mythologie. In der altisländischen Literatur erscheint er als gerissenes und zauberkundiges Wesen. Man muss sich auch nur an das Grimmsche Märchen Schneeweißchen und Rosenrot erinnern. Doch der kleine Wichtel hat sich demnach sehr gewandelt.

Der Gartenzwerg - "ein Wesen eigener Art"


Vor Jahren verlor er seinen umtriebigsten Interessenvertreter, den Schweizer Journalisten
Fritz Friedmann-Thün (1914-2012), der sich gern "Patron der Gartenzwerge" nennen ließ.
In Anlehnung an den erzgebirgischen Bergmannsgruß "Glück auf" kreierte er den dann obligaten Gruß der Gartenzwergkundler: "Zipfel auf". Ansonsten kämpfte er gegen die abwertende Verwendung des Wortes Gartenzwerg als Synonym für Schlafmütze oder Langweiler sowie für weitere nachteilige menschliche Eigentümlichkeiten. Aus seinem Munde gibt es ferner die allgültige Definition eines Gartenzwerges. Er sei "ein Wesen eigener Art. Er ist immer gleich. Er ist immer freundlich, immer friedlich. Er wechselt seine Kleidung nicht: Roter Zipfel, grüne Schürze, schwere Schuhe und ein weißer oder weiß-melierter Bart, das sind die Kennzeichen des echten Gartenzwerges nanus hotorum vulgaris". 1874 wurde er in der Gräfenrodaer Gartenzwergmanufaktur des "Thierkopfmodelleurs" Philipp Griebel (1843-1893) erstmals gebacken (gebrannt) und nach der Bemalung millionenfach an den Mann gebracht. Die Firma gleichen Namens wird heute vom Nachkommen des Gründers, Reinhard Griebel (geb. 1953) fortgeführt. Anhaltende Nachfrage nach Zwergen lässt die Nachkommenschaft explosionsartig anwachsen.

Und das ist das Problem. Denn bisher fiel dasjenige Wort
Plakat
Omas und Opas als Terrakotta-Figuren
Foto © -wn-
noch nicht, das hierbei nicht unausgesprochen bleiben darf - und wenn auch nur als freundlich gemeinte Frage:
Ist das nicht alles großer Kitsch? Das 1987 erschienene Lexikon der Kunst des Verlages E. A. Seemann in Leipzig definiert ihn als "Bezeichnung für geschmacklose Erzeugnisse, die den Anspruch erheben, Kunstwert zu besitzen". Der Kitsch ist ein Thema, mit dem sich die Ästheten seit Jahrzehnten herumschlagen. Denn "solange uns die Wahrheit der Kunst rätselhaft bleibt, wird uns auch die Unwahrheit des Kitsches in Unruhe versetzen", schreibt 1971 der Heidelberger Philosophie-Professor Ludwig Giesz (1916-1985). Man ist schnell dabei, von Edelkitsch, Schund, Geschmacklosigkeit und Plunder zu sprechen. Was aber nun, wenn sich Menschen wie du und ich mit allgemein als Kitsch eingestuften Dingen bewusst umgeben und sich in deren Nähe auch noch wohl fühlen, wenn sie im Übrigen auch gar nicht behaupten, dass etwa der Gartenzwerg ein Kunstwerk sei? Wer will Richter sein, wenn die Liebhaber von Kobolden und Gnomen deren zutrauliche Gesichter mögen, das Eichkätzchen neckisch finden und dem Häschen im Wohnbereich einen privilegierten Standplatz zuweisen? Und überdies: Obwohl es uns nichts anzugehen hat - will man denn völlig ausschließen, dass im Raum hinter dem Balkon mit der überfüllten Brüstung in der Hagenauer Straße nicht vielleicht doch gelegentlich auch eine Toccata von Johann Sebastian Bach (1685-1750) erklingt oder Klassisches gelesen wird?

Es gab manchen Versuch, die ungebrochene Urkraft des Kitsches zu erklären.
Plakat
Verschiedene Terrakotta-Figuren auf dem Polenmarkt
Hohenwutzen (Osinow Dolny);
nur die andernorts angebotenen Kleinfiguren
des polnischen Papstes Johannes Paul II.
(1920-2005) gehören hier nicht zum Sortiment.
Foto © -wn-
Die Schriftstellerin Olga Wohlbrück (1867-1933) brachte es einmal auf eine einfache Formel.
Sie meinte, es gebe Menschen, die einfach keine leeren Stellen in ihren Wohnungen ertrügen und deshalb vakante Plätze mit für schön gehaltenen Dingen besetzten. In ihrem Roman "Das kleine Glück" beschreibt sie eine völlig überladene Wohnung mit den Worten: "Es war eine krankhafte Angst in ihr (der Heldin des Buches) vor allem Kahlen und Unausgefüllten. Und dem herrschenden Geist des modernen Geschmacks entgegen, der die Schönheit mehr in vornehmer Ruhe, in der reinen Linie sieht, im ängstlichen Vermeiden alles Gedrängten, Überladenen - hatte sie nur getrachtet, alle Ecken und Eckchen auszufüllen, um bei sich nicht das Gefühl des Leeren aufkommen zu lassen. Kaum dass man einen Streifen der hellen Tapete sah - sie verschwand beinahe ganz unter herabhängenden Teppichen, tieffarbigen Schals, unter Bildern mit feinen, stumpf gehaltenen Rahmen."

Selbst Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), bekanntlich ein hochsensibler Geist, lässt bei der Bewertung von Kitsch Vorsicht walten.
Als er zwischen September 1786 und Mai 1788 auf seiner berühmten "Italienischen Reise" unterwegs war, besuchte er ein Schloss in Palagonia 50 km südwestlich vom sizilianischen Catania. Und obwohl er von Italien, dem Land seiner Träume, begeistert ist, kann er sich gerade auf Sizilien eines ironischen Untertons nicht enthalten. Auf dem Wege zum Schloss sieht er auf den Mauern zu beiden Seiten des Weges jede freie Stelle neben allerlei Unholden und Kobolden auch mit Zwergen ausgefüllt, "wie denn überall dieses Geschlecht bei geistlosen Scherzen eine große Rolle spielt". Und er notiert weiter: "Dass wir aber die Elemente der Tollheit des Prinzen Palagonia (des Schlossherren) vollständig überliefern, geben wir nachstehendes Verzeichnis. Menschen: Bettler, Bettlerinnen, Spanier, Spanierinnen, Mohren, Türken, Buckelige, alle Arten Verwachsene, Zwerge, Musikanten, Pulcinelle (Figuren des italienischen Volkstheaters), antik kostümierte Soldaten, Götter, Göttinnen, altfranzösisch Gekleidete, Soldaten mit Patrontaschen und Gamaschen Tiere: Pferd mit Menschenhänden, Pferdekopf auf Menschenkörper, entstellte Affen, viele Drachen und Schlangen, alle Arten von Pfoten an Figuren aller Art, Verdoppelungen, Verwechslungen der Köpfe." Goethe kennt den Begriff des Kitsches noch nicht, der 1870 erstmals im Münchener Kunsthandel auftauchte. Aber vom Geschmacklosen hat er eine Vorstellung. "Wir pflegen gewöhnlich die Liebhaberei zu bunten Farben barbarisch und geschmacklos zu nennen." Aber es gibt aus seiner Feder auch die Mahnung, das wenig Künstlerische mit Nachsicht zu betrachten. Der kurze und prägnante Satz ist noch heute in aller Munde, wenn es um Kitsch und seine händlerische Anpreisung geht. Gemeint ist die Maxime des Hofdichters Torquato Tasso aus dem 1807 uraufgeführten gleichnamigen Goethe-Stück, wo es heißt: "Erlaubt ist was gefällt". Tasso hängt der Idee an, dass Menschen und Tiere in vollkommener Freiheit zusammen leben - so wie die Balkon-Nutzer in der Hagenauer Straße mit allem zusammenleben, was auf der Vorderfront des Balkons mit seinen Geschöpfen aus Fauna, Phantasie und Fabel sichtbar ist.

Der Zwillingsbruder des Kitsches ist die politische Phrase


Wenn auch die Publizistin Paula von Reznicek (1895-1976) keine abschließende Bewertung des Kitsches vornahm,
DDR Schrankwand
DDR-Kitsch in der Schrankwand mit Berlin-Bembel,
obligater Matrjoschka und lackiertem
russischen Holzlöffel, unten die
Aktuelle Kamera mit Sprecher
Klaus Feldmann (geb. 1936)
Foto © -wn-
so ist sie doch mit ihrer Bemerkung zu diesem bis heute ungeklärten Thema dem realen Leben ziemlich nahe gekommen. "Wir haben alle nun mal den ernsten Willen zum Kitsch! Ohne ihn wären wir verloren, der gemütlosen Sachlichkeit unserer Tage ausgeliefert. Aber so existiert ein Mäntelchen', das wir Kitsch nennen, in das wir uns, wenn es nottut, hüllen können. Und es tut oft not!" Alle diese Überlegungen stellt man mit einem Lächeln ans, geht es doch um weitgehend harmlose Dinge. Unter dem Balkon im Prenzlauer Berg wird gewitzelt, gefrotzelt, freilich auch der Kopf geschüttelt. Und doch besitzt der Kitsch einen Zwillingsbruder, dem man nur mit Ernst begegnen kann: der Phrase - dem Politkitsch, der meistens nicht zum Lachen ist. Dieser hatte zur Zeiten des Staatssozialismus seine hohe Zeit. Diese Gesellschaft war bekanntlich darauf angewiesen, den Unzulänglichkeiten des Alltages, dem Mangel und der zunehmend schlechten Stimmung mit euphorischen Übertreibungen, hymnischen Feiern und pathetischen Lobpreisungen zu begegnen. In der Sowjetunion schreckte man sogar vor lächerlichen wie empörenden Textfälschungen nicht zurück. Als der Moskauer Staatsverlag 1939 zehn Lieder aus dem 1736 von Johann Sebastian Bach besorgten Gesangbuch des Zeitzer Kantors Georg Christian Schemelli (1676-1762) publizierte, strich der Verlag den Text der Bachkantate "Gott lebet noch", eines Trostliedes, das Rückhalt in der Stärke und Gnade Gottes zu suchen anrät. Stattdessen druckte der Verlag die triviale Zeilen: "Das Leben ist gut. Bienen tragen Honig in ihren Stock. Auf allen Gräsern ist Tau, und in jedem Tropfen ist die ganze Welt zu erblicken. Der Garten ist voller Früchte. Das Korn auf den Feldern speist sich aus dem Saft der Erde. Die Frische des Morgens, die Hitze des Mittags und die Kühle der Abenddämmerung - sie alle sprechen nur das Eine: das Leben ist wunderbar. Das Leben ist prall."

Mit einem Übermaß an kitschiger Pathetik in Verbindung mit historischen Lügen gingen die beiden Thälmann-Filme der DEFA in die Geschichte ein.
Die aufwändig hergestellten Filme fälschen die Rolle der KPD im Kampf gegen Hitler und verschweigen die tragische Parole dieser Partei, nach der die deutsche Sozialdemokratie angeblich der "linke Flügel des Faschismus" gewesen sei. Auch die faschistische Ermordung Ernst Thälmann (geb. 1886) am 18. August 1944 in einem tristen Heizungskeller nahe dem Krematorium des Konzentrationslagers Buchenwald wird nach den Regeln des Politkitsches ausgeschmückt und - weil es den Filmautoren "würdiger" erschien - in ein Gefängnis verlegt. Im Filmszenarium heißt es über die pathetische Schlußeinstellung: "Thälmann sieht das SS-Kommando (kommen) Er erhebt sich langsam, zieht sein Jackett an und verlässt die Zelle. - Gefängniskorridor. Thälmann und das SS-Kommando gehen durch den Korridor. Der SS-Kommandant wendet sich an Thälmann und fragt: "Sie wissen wohl, was kommt?" - Thälmann: "Ja, ein besseres Deutschland! Ein Deutschland ohne euch!" - Der stolze feste Gang Ernst Thälmanns beherrscht das Bild Der Zuchthauskorridor verblasst. Eine rote Fahne weht ins Bild und wischt die SS-Leute hinweg. Siegreich flattert sie - die rote Fahne."

Der Politkitsch ist wegen seiner Eindeutigkeit immer klar erkenntlich.
Jedoch das, was wir im Alltag Kitsch nennen und wann dieser heiter und wann er lächerlich ist - darüber werden die Meinungen vermutlich auch weiterhin deutlich auseinander gehen.

Wie man zum Kollwitzplatz und in die Hagenauer Straße kommt:
Zweckmäßig ist es, die U-Bahn U2 zu benutzen. Vom Bahnhof Eberswalder Straße beträgt der Fußweg über die Danziger und Knaackstraße etwa 600 Meter.
Text: wn /24.04.2014

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