Erfahrungsbericht über das Leben in Berlin

„Du musst nach Berlin mein Kind, da wo die Verrückten sind, da jehörste hin“. Der bekannte Berliner Gassenhauer aus der Gründerzeit des vorvergangenen Jahrhunderts, als die Stadt schneller wuchs als jede andere in Deutschland, bringt es noch heute bzw. heute wieder auf den Punkt: Spätestens seit Mauerfall, Wiedervereinigung und Hauptstadtumzug ist die Stadt an der Spree wieder weltweit in aller Munde und wird auch zunehmend als Erst- oder Zweitwohnort geschätzt. Zwar wäre es noch vermessen, dem heutigen Berlin den gleichen kulturellen Stellenwert zuzubilligen wie seinem historischen Pendant der 1920er Jahre, als die Stadt in einem Atemzug mit New York, London und Paris genannt wurde, doch viele der oft kreativ arbeitenden Besucher aus diesen und vielen anderen internationalen Städten schätzen die noch relativ günstigen Preise und Lebenshaltungskosten zwischen Spandau und Köpenick und bleiben samt ihrer Ideen und Projekte gleich etwas länger oder gar für immer.

Meine Erfahrungen in Berlin


Diese Entwicklung hätte ich im Dezember 1981, als ich das erste Mal mit meiner Mutter alte Freunde von ihr in Berlin-Schöneberg besuchte, nie und nimmer für möglich gehalten. Die Stadt war nicht nur wegen ihres gefürchteten Winters abweisend, grau, düster, kalt und schmutzig. Trotzdem, oder auch gerade deshalb faszinierte sie mich mit meinen damals gerade einmal 11 Lebensjahren als denkbar konträres Gegenstück zum südlichen Baden-Württemberg, wo ich damals lebte, sofort, ungemein und bis heute anhaltend. Die noch vom Krieg gezeichneten, leer stehenden oder auch besetzten und bunt bemalten Altbauten, die Mauer als gleichzeitig völlig unwirkliches, aber doch seinerzeit sehr endgültiges Bauwerk, das mir bis dato in dieser Form unbekannte multikulturell geprägte Leben in Kreuzberg und Neukölln, und nicht zuletzt die mir sehr vertraute, weil vom meinem Großvater auch nach gut 40 Jahren im bayrischen „Exil“ noch immer gesprochene „Berliner Schnauze“ (Watten dit?) begeisterten mich maßlos.
Als ich meiner Mutter bereits nach wenigen Tagen feierlich mitteilte, dass ich eines Tages nach Berlin ziehen würde, seufzte diese sowohl lächelnd und wissend, und bemerkte nur etwas melancholisch: „Zurück zu den Wurzeln, mein Junge“.

Denn ja, Wurzeln hatte meine Familie mütterlicherseits, die aus dem heutigen Brandenburg stammte, hier einst sehr wohl und lange besessen. Meine Oma war als Hausdame bei einer der Familien angestellt, die später im Rahmen der Stauffenberg-Verschwörung aktenkundig und verurteilt wurden, und mein Opa hatte große Teile seiner Schul- wie auch Militärzeit in Berlin absolviert. Wie so viele entschieden sie sich jedoch im Laufe der immer näher an Berlin heran rückenden Kriegswirren letztlich zur Flucht, und landeten nach einigem Hin und Her schließlich in Süddeutschland, wo sie bis zum Ende ihres Lebens auch wohnen bleiben sollten. Zeit seines langen Lebens jedoch schwärmte besonders mein Großvater vom Berlin der Vorkriegszeit. Als er jedoch nach dem Mauerfall schon reichlich betagt mit seinem Sohn und meinem Onkel sowohl Berlin als auch seinen kleinen Geburtsort im Fläming das erste und einzige Mal besuchte, kehrte er sehr ernüchtert und wohl auch etwas enttäuscht zurück, zu vieles hatte sich verändert.

Auch mir sollten, nachdem ich dann endlich im September 1989 den endgültigen Absprung in mein heiß geliebtes, und im Laufe der 1980er Jahre immer wieder besuchtes Berlin geschafft hatte, einige Überraschungen nicht erspart bleiben. Wie sehr viele westdeutsche Schulabgänger vor mir, denen der Sinn weitaus mehr nach etwas Abenteuer, aber nur sehr wenig nach militärischem Drill stand, hatte der entmilitarisierte Status der westlichen Stadthälfte, also das Nichtvorhandensein der Bundeswehr und damit auch der Wehrpflicht, bei meiner Wahl Berlins als Studienort eine große Rolle gespielt. Dementsprechend mulmig war dann auch am 9. November 1989 zumute, als mit dem Mauerfall nicht nur eine Epoche zu Ende ging, sondern auch absehbar wurde, dass über kurz oder lang „normale deutsche Zustände“ in das bis dato so einzigartige „Westberlin“ einziehen würden.

Eingezogen zur Bundeswehr wurde ich dann glücklicherweise doch nicht, vielmehr genoss ich die aufregenden 1990er Jahre in der sich fast täglichen wandelnden Stadt ausgiebig, lernte zunehmend auch die östlichen Bezirke samt ihrer jeweiligen Eigenarten kennen, und beendete dann schließlich auch mein Studium, welches ja doch immerhin mein offizieller Grund der Übersiedlung nach Berlin gewesen war. Mittlerweile lebe ich seit nunmehr 23 Jahren hier, den Großteil der Zeit übrigens in Neukölln, wo es mir trotz mancher Minuspunkte auch schon gefiel, bevor die Feuilletons und die Kunstszene den vielleicht ehrlichsten aller Berliner Bezirke für sich entdeckten. Mit der Berliner Schnauze dort und anderswo habe ich wie gesagt noch nie Probleme gehabt, für mich klingt das immer nach meinem Opa, der nun auch schon seit über 15 Jahren nicht mehr unter den Lebenden weilt. Viele der heutigen „Verrückten“, die sich so wie ich früher auf den ersten oder zweiten Blick in Berlin verlieben, und in der vermutlich aufregendsten Stadt Deutschland ihre Zelte aufschlagen, werden wohl auch noch in weiteren 20 Jahren dafür sorgen, dass Berlin auch in Zukunft noch immer etwas die Stadt sein wird, die nach dem deutschen Publizisten Karl Scheffler (1869-1951) „dazu verdammt ist, immerfort zu werden und niemals zu sein.“
( P.W., 1970 geboren, ledig. )

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