Die Tempelhofer Freiheit: Wieder zur Sonne, zur Freizeit

Text: -wn- (Journalist aus Berlin) / Letzte Aktualisierung: 12.02.2021

Der ehemalige Flughafen Tempelhof
2013: Besucher auf dem ehemaligen Rollfeld des Flughafens Tempelhof (TXL) - Foto: © -wn-

Die Gewohnheit, alltägliche Worte mundbequem zu kürzen, zu verschlanken oder auf Anfangsbuchstaben zu kupieren (jwd - janz weit draußen) - eine solche Sprachpflege betreiben die Berliner scheinbar schon seit langem mit liebevoller Schnoddrigkeit. Man höre nur, wie sie die 620 Meter lange Straße im Prenzlauer Berg nennen, die den Namen des Danziger Malers und Zeichners Daniel Nikolaus Chodowiecki (1726-1801) trägt. Es ist ein Name voll Musik! Von polnischer Zunge ausgesprochen, beginnt er mit einem aufsteigenden Rachenton wie ihn ein junger Wisent in der Bialowiezer Heide in den Morgennebel knört. Gleich einer rhythmisch punktierten Mazurka fließen sodann das O und das I dem E entgegen; dieses brandet zischend an das C und das K (beide getrennt zu lautieren!), um schließlich ins abschließende I zu wechseln. So könnte es eben auch hierorts klingen - wenn der Berliner diesen Boulevard nicht schnöde "Schodewiggi"-Straße nennen würde. Ähnlich erging es dem im 14. Jahrhundert angelegten Dorf Tempelhof, das - wie der Berliner Stadtchronist Willibald Alexis (1798-1871) schreibt - "eine Stunde (von Berlin) gen Mittag auf der Höhe liegt, und eine Komturei war des Johanniterordens, vordem aber eine des Ordens der Tempelherren".

Was war damals geschehen? Der askanische Markgraf Otto von Brandenburg (1246-1298 od. 1304), der wegen seiner stattlichen Figur auch "der Lange" heißt, hatte die wüste Gegend den von den Kreuzzügen aus dem Heiligen Land heimgekehrten Tempelrittern 1288 per Erlass geschenkt. Die Neuland-Pioniere - bekannt durch ihre weißen Mäntel mit den roten Tatzenkreuzen - legten hier einen Templerhof an, der dem später "aus wilder Wurzel" entstandenen Straßendorf seinen Namen gab. Ziele des Ordens waren neben der Landwirtschaft der Erhalt der christlichen Kultur des Abendlandes. Der Altphilologe und weitere Kenner der Geschichte Berlins Carl Eduard Geppert (1811-1881) weist in seiner "Chronik von Berlin von (der) Entstehung der Stadt an bis heute" darauf hin, dass die angesiedelten Tempelritter ganz offenbar nicht nur einträchtige Pflanzer und Sämänner waren. Carl Eduard Geppert betrachtet den Templerhof als "ein Denkmal jener merkwürdigen Zeit, wo man die Sache des Himmels auf Erden mit gewaffneter Hand zu vertheidigen meinte, und weniger auf die Bekehrung als auf die Vertilgung der Heiden ausging". Außerdem weiß man von den Ordensrittern bis heute nicht genau, wie sie sich ihren Gott vorstellten. Heißt es doch, sie hätten durch vorausgegangene Kontakte mit jüdischem und muslimischem Gedankengut im Heiligen Land die - in diesem Fall offenbar gewaltlose - Vorstellung entwickelt, die drei abrahamitischen Religionen in eine gemeinsame Konfession zu überführen. Welch ein schöner Gedanke, schlössen sich Kopftuch, Kippa und das Kreuz der Christen nicht mehr grundsätzlich aus - so wie heute noch.

Aus Templow wird Tempelhof

Schild des ehemaligen Flughafen Tempelhof
Erinnerung an den früheren Flugverkehr - Foto: © wn

Wie man sich ferner den Weiler Tempelhof in der mittelalterlichen Zeit - zumindest im Winter - vorstellen muss, beschreibt der Schriftsteller Berndt Schulz (Pseudonym Mattias Gerwald; geb. 1942) in seinem historischen Roman "Der letzte Ritter vom Tempelhof - das Mordkomplott" (Erfurt 2012): "Vor den Türen der Kommende Tempelhof (kleinste Verwaltungseinheit des Ordens) lagen Felder, die von schmutzigem Weiß überzogen waren. Am Himmel standen Zeichen für das Unheil des gerade zu früh und zu hart anbrechenden Winters mit monatelanger Kälte, von Schneestürmen, von Wolfsrudeln, die rasend vor Hunger durch das Land ziehen würden, von Scharen schwarzer Kolkraben, die den Himmel verdunkelten, wenn sie auf der Suche nach Abfällen ... über die Anger und Weiden stoben." Eine völlig andere Perspektive hat "Der Bayerische Volksfreund - Ein Unterhaltungsblatt für alle Stände". Das Blatt beschreibt 1827 das Dörfchen so: "Tempelhof (Templow) 1 St. von der Stadt (Berlin), ist ein freundliches Dorf mit schöner Lindenallee, einst Eigenthum der Tempelherren". Hier taucht der aus unbekanntem Grund um die Mittelsilbe gekürzte Ortsname Templow auf. Der Eingriff geht keineswegs auf eine besondere Liebe der Berliner zum Slawischen zurück. Es ist wohl eher ihr bekanntes Bestreben, einzelne Worte energie- und zeitsparend auszusprechen. Selbst noch in einem alten Abschiedslied der Handwerksgesellen aus dem frühen 19. Jahrhundert ist das der Fall. Hier wird Tempelhof verkürzt und freundlich erwähnt:

"Moabit und Pankow, / Wie auch Charlottenburg, / Künftig fahr' ich wieder / Eure Fluren durch. / In Templow hat's mir gefallen. / Lebewohl auch du, / Lichtenberg, dazu."

Die lokalen Sprach"anpassungen" der Berliner setzen sich im gegenwärtigen Jahrhundert fort. Dabei hat nun sogar eine Behörde die Hand im Spiel. Wer den Namen Tempelhof bisher aussprach oder ihn nur im Kopf hatte, dachte vor allem an das zwanzig Meter hohe, einem Brückenpfeiler ähnliche Denkmal aus Stahlbeton, das im kleinen Park gegenüber dem Eingang des ehemaligen Flughafens Berlin-Tempelhof steht. Es ist ein Symbol der Bewegungs- und der Denk-Freiheit. Das Denkmal, vor dem im Sommer türkische Großmütter mit den Enkeln im Gras sitzen, ist von drei nach oben strebenden Rippen durchzogen, von denen die beiden äußeren seitwärts auseinander laufen. Die drei Rippen der absichtsvoll gewesteten Anlage des Architekten Eduard Ludwig (1906-1960), die der Volksmund mit Liebe, Leidenschaft und Lakonie die "Hungerkralle" nennt, versinnbildlichen die drei 32 Kilometer breiten Luftkorridore durch die frühere sowjetisch besetzte Zone (SBZ). Über sie brachten ab Juni 1948 amerikanische, englische und französische Flugzeuge mehr als 2,1 Mill. Tonnen lebenswichtige Güter ins eingeschlossene Westberlin. Die Luftbrücke geht als ungewöhnlicher Befreiungsschlag in die deutsche Geschichte ein.

Berliner Behörde kreiert die Tempelhofer Freiheit

Vor wenigen Jahren gerät der Name Tempelhof in einen neuartigen, absolut wohlklingenden Begriffszusammenhang, mit dem die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zu erkennen gibt, dass das oft so penetrante Amtsdeutsch mit überlangen Worten, Sätzen und Sinnverstellungen durchaus auch einmal poetische, ja sogar schwärmerische Züge annehmen kann. Am 5. März 2008 tritt die Behörde mit einem "Folgenutzungskonzept für das Flughafengelände" an die Öffentlichkeit - mit dem städtebaulichen Projekt TEMPELHOFER FREIHEIT. Der Begriff Freiheit wird in einer seltenen Bedeutung benutzt. Synonyme sind Erholungsort, Tummelplatz oder ein zu belaufendes weites Landstück. Die aus frühester Geschichte kommende Ortsbezeichnung Tempelhof wurde zum Attribut für eines der schönsten deutschen Worte: für Freiheit.

Genau genommen proklamierte die Behörde bereits die zweite Tempelhofer Freiheit seit der Schließung des Feldes für den öffentlichen Verkehr Anfang der 1930er Jahre. Denn sie schließt an alte Zeiten an. Schon früher gab es im seinerzeit nicht bebauten Teil des Tempelhofer Feldes kopfstarke Bürger-Picknicks. Man spielte Ball oder Kricket, amüsierte sich bei Pferderennen oder besuchte die Vorstellungen gastierender Zirkusse. Der Berliner Vormärz-Publizist Adolf Glaßbrenner (1810-1876) beschreibt die Vergnügungen auf dem Areal im 19. Jahrhundert in ironischem Ton: "Die unterste Volksklasse Berlins ist im Ganzen sehr arbeitsam und bedarf nur selten einer andern Erholung, als ihre Kehle mit demjenigen Getränke anzufeuchten, aus welchem jene äußerliche Rohheit und Abstumpfung edler Gefühle entspringt. Wenn aber der Gott der Lust durch einen Sonn- oder Feiertag ruft, so gilt es, ihm auf jede Weise zu opfern; jeder Groschen wird zusammengerafft, den die langtägige Arbeit eingebracht, ja das königliche Leihamt wird in Anspruch genommen, um sich in den Besitz des weltlichen Mittels zu setzen um sich himmlisch oder jöttlich zu amüsiren." Tempelhof sei ein Dorf "prächtig gelegen in einer unabsehbaren Wüste, allwo Taschenspieler ihre Künste zeigen, Bären tanzen und Affen auf sehr traurigen Kameelen possirliche Sprünge machen; wo Würfelbuden (sind), wo Mordscenen durch große Bilder und anmuthige Gesänge rührend geschildert werden, und die ungeheuern Kaffeekannen auf den Tischen im Freien einladen". Anfang des 20. Jahrhunderts waren sogar Flugexperimente, Flugschauen, Rekordflüge und Zeppeline die Attraktionen auf dem Feld. Der diversen Ergötzlichkeiten nicht abgeneigte Publizist (und Womanizer) Kurt Tucholsky (1890-1935) beschreibt in "Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte" wie sich erlebnishungrige Ausflügler auf dem Seeweg brachial eines Badestrandes bemächtigen: "Stimmen kamen, Ruderboote, Familien, die hier zu einem Picknick landen wollten. Riesige, blecherne Vorratskörbe bedrohten wie Geschütze das Lager der Friedlichen..." Hier habe nur eines gegolten: "Auf und davon!"

Luftbrückendenkmal
Das Luftbrücken-Denkmal im Park gegenüber dem Eingang des Flughafens - Foto: © wn
Der Berliner Trubel mit "Komm, Karlineken", "Hallochen" und "Prösterchen" scheint heute vorbei, seitdem die Tempelhofer Freiheit ab dem 8. Mai 2010 tagsüber durch zehn Eingänge betreten werden kann und auf einer Fläche, die 420 Fußballfeldern entspricht, zu mancherlei Vergnügungen einlädt. Die unversiegelten Flächen sind hauptsächlich durch Grasbestände geprägt. Neben seltenen Glatthaferwiesen kommen Sandtrockenrasen mit Heide- und Grasnelke vor, die zu den wertvollen Biotopstrukturen gehören und nach dem Berliner Naturschutzgesetz geschützt sind. Dieser einzigartige Lebensraum entsteht durch die Offenheit der nährstoffarmen Wiesen, auf denen der Wind für ein schnelles Austrocknen der Flächen sorgt. Zusammen mit der Pflege der Fläche durch eine angepasste Mahd entsteht die Basis für seltene Pflanzen und Tiere. Das ehemalige Flugfeld wird zu einer urbanen Parklandschaft entwickelt und bietet bereits jetzt eine Vielzahl an Möglichkeiten, Veranstaltungen durchzuführen. Die Planungen müssen sich allerdings am Leitbild der Tempelhofer Freiheit orientieren: Der Park ist ein wertvoller Freiraum für die gesamte Stadt, der sich zu einem Zentrum für Sport, Freizeit, Kultur und Innovation entwickeln soll. Dazu kommt: Eine wichtige klimatische Funktion wird das Tempelhofer Feld auch weiterhin haben. Es wirkt als Kaltluftinsel in den im Sommer oft überheizten Stadtteilen Tempelhof, Kreuzberg und Neukölln und gleicht die Temperaturen aus.

Gut angenommen wurde bisher zum Beispiel der regelmäßige Sechs-Stunden-Lauftreff der Langstrecken-Laufgemeinschaft Mauerweg Berlin. An Kinder und Jugendliche richtet sich das "Sport Island Feriencamp", das ein breites Spektrum von Funsportarten für Kinder und Jugendliche im Angebot hat. In drei ausgewiesenen Bereichen ist das Grillen erlaubt. Ansonsten bleiben offenes Feuer und Grillen verboten. Hunde dürfen an der Leine mitgeführt werden. Es gibt jedoch drei große Hundeauslaufbereiche, in denen der Leinenzwang aufgehoben ist und auch Hunde ein Gefühl für Freiheit bekommen. Das weite Feld bietet ferner ideale Bedingungen für Skater, Jogger, Fahrradfahrer und andere Sportler. Jeden zweiten und vierten Samstag im Monat finden historische Führungen statt. Informiert wird über das sogenannte "Russenlager" und das "KZ Columbia", ein frühes nationalsozialistisches Konzentrationslager am nördlichen Rand des Feldes. Schließlich erfahren die Besucher Einzelheiten über die militärische Luftfahrt.

Für diese zweite Tempelhofer Freiheit gilt die schöne und wohl realistische Verheißung: Wieder zur Sonne, zur Freizeit

Verkehrsverbindungen und Zugänge zum Tempelhofer Feld:

Es gibt folgende Zugänge:

  • S41/S42, S45 und S46 S-Bhf Tempelhof, 3 Minuten bis zum Haupteingang Tempelhofer Damm
  • U6 U-Bhf Tempelhof oder Paradestraße, 3 Minuten bzw. 5 Minuten bis zum Haupteingang Tempelhofer Damm
  • U7 U-Bhf Südstern, 10 Minuten bis zum Haupteingang Columbiadamm
  • U8 U-Bhf. Hermannplatz, Leinestraße, Boddinstraße 10 Minuten bis. zum Haupteingang Oderstraße
  • Bus 104 Haltestellen Friedhöfe Columbiadamm oder Golßener Straße, 1-3 Minuten zu den Eingängen am Columbiadamm

Sehenswürdigkeiten in Tempelhof-Schöneberg:

Sehenswürdigkeiten in Berlin:

Bezirke in Berlin: